Dass Manuela Hölters ihren 57. Geburtstag erleben durfte, ist für die dreifache Mutter alles andere als selbstverständlich. Im Gegenteil: Für die Bad Oeynhauserin ist jeder Geburtstag ein Geschenk. „Ich durfte schon älter werden als meine Mutter und meine Tante“, erzählt Manuela Hölters. Beide starben mit Mitte 50 an Krebs. Seit vielen Jahren lebt Manuela Hölters mit dem extrem seltenen Muir-Torre-Syndrom, einer erblich bedingten Erkrankung, die das Risiko für verschiedene Krebsarten deutlich erhöht. Krebs war deshalb nie eine abstrakte Bedrohung. Er war immer da – als Gedanke, als Sorge, als Teil ihrer Familiengeschichte.
„Ich habe eigentlich immer damit gerechnet, dass ich irgendwann Krebs bekomme. Die Frage war also nie, ob – sondern nur wann es ausbricht“, sagt die Pflegehelferin offen.
Als Manuela Hölters Anfang des Jahres ein Ziehen im Unterleib verspürt, lässt sie die Beschwerden im Universitätsklinikum Minden untersuchen. Die Diagnose bestätigt ihre schlimmsten Befürchtungen: In ihrer Gebärmutter wird ein Tumor entdeckt.
Was zu diesem Zeitpunkt jedoch niemand ahnt, in Manuela Hölters Körper wachsen gleichzeitig zwei unterschiedliche Krebserkrankungen. Beide bösartig.
Die behandelnden Ärzte entscheiden sich für eine roboterassistierte Operation mit dem DaVinci-System. „Solche Eingriffe führen wir heute fast immer mit dem OP-Roboter durch. Wir können deutlich präziser arbeiten, wichtige Strukturen besser schonen und den Patientinnen einen großen Bauchschnitt ersparen. Das bedeutet weniger Schmerzen, eine schnellere Genesung und einen kürzeren Krankenhausaufenthalt“, erläutert Universitätsprofessor Dr. Philipp Soergel, Direktor der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Uni-Klinikum Minden.
Während der Operation werden der Patientin aus Bad Oeynhausen die Gebärmutter sowie die zugehörigen Lymphknoten entfernt. Nach dem Eingriff folgt eine Überraschung: Die feingewebliche Untersuchung durch die Pathologie im Universitätsklinikum zeigt, dass es sich nicht um einen einzelnen Tumor handelt.
Neben einem Gebärmutterhalskrebs wurde auch ein Gebärmutterkörperkrebs entdeckt.
„Dass wir zwei voneinander unabhängige Tumoren gleichzeitig in der Gebärmutter feststellen, kommt selten vor“, erklärt der Klinikdirektor und behandelnde Gynäkologe. „Die genaue Unterscheidung gelingt häufig erst durch die pathologische Untersuchung des entfernten Gewebes.“
Gebärmutterkörperkrebs entsteht in der Schleimhaut der Gebärmutterhöhle, während Gebärmutterhalskrebs im Zervikalkanal am Eingang der Gebärmutter wächst. Zwei unterschiedliche Krebserkrankungen, zwei unterschiedliche Prognosen. „Solche seltenen und komplexen Behandlungen sollten nur in zertifizierten Krebszentren durchgeführt werden“, so Universitätsprofessor Dr. Soergel.
Das Gynäkologisches Krebszentrum im Universitätsklinikum Minden wurde 2023 von der Deutschen Krebsgesellschaft (DGK) zertifiziert und bescheinigt dem Zentrum eine maximale Behandlungsqualität.
Manuela Hölters ist froh, dass sie in einem spezialisierten Zentrum behandelt wurde. Die Behandlung sei ausgezeichnet gewesen.
Die dreifache Mutter ist erleichtert, dass der Eingriff erfolgreich war, alles entfernt werden konnte. „Ich bin ein Mensch, der das Glas eher halb voll als halb leer sieht“, sagt sie. „Natürlich gibt es Abende, an denen ich viel nachdenke, das Gedankenkarussell wieder losgeht. Aber ich versuche, das Leben zu genießen.“
Und das tut sie bewusst. Die Ruhe in der Natur, Spaziergänge durchs Watt, Zeit mit ihren Kindern – all das hat für sie heute eine besondere Bedeutung. „Die kleinen Dinge machen mich glücklich. Ich bin dankbar für jeden Tag.“
Bereits 2021 hatte sie sich aufgrund ihres erblichen Risikos vorsorglich die Eileiter und Eierstöcke entfernen lassen. Die regelmäßige Vorsorge gehört seit Jahren zu ihrem Leben. Denn das Muir-Torre-Syndrom erhöht nicht nur das Risiko für gynäkologische Tumoren, sondern auch für Darmkrebs. Deshalb wird sie im Universitätsklinikum Minden alle sechs Monate untersucht. Wie viele Menschen an dem extrem seltenen Syndrom leiden, ist nicht bekannt. Es entsteht durch Mutationen in DNA-Reparaturgenen. Beim Muir-Torre-Syndrom handelt sich um eine Unterform des Lynch-Syndroms, der häufigsten erblich bedingten Ursache von Gebärmutterkörperkrebs. Unter den Patient*innen mit dem erblichen Lynch-Syndrom machen Muir-Torre-Syndrom-Fälle schätzungsweise etwa zwei bis neun Prozent aus.
Was Manuela Hölters besonders belastet, ist der Gedanke, dass ihre Erkrankung vererbt werden kann. Jedes ihrer drei Kinder hat eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, die genetische Veränderung ebenfalls in sich zu tragen. „Das macht mir mehr Sorgen als meine eigene Erkrankung“, sagt sie. „Deshalb rede ich offen darüber und schicke meine Kinder konsequent zur Vorsorge.“
Die Diagnose Krebs traf auch Manuela Hölters Familie hart. Eigentlich wollte ihre jüngste Tochter wegen ihres geplanten Studiums wegziehen. Nach der Krebsdiagnose ihrer Mutter stellte sie ihre Pläne zunächst zurück und blieb in der Nähe. „Als ich damals Kinder bekommen habe, wusste ich nichts von meiner Erkrankung. Ich hätte ihnen das natürlich gerne alles erspart“, sagt Manuela Hölters nachdenklich.
Medizinisch gilt der Fall der dreifachen Mutter aus Bad Oeynhausen als bemerkenswert. Zwei unterschiedliche Tumoren – in einem Organ. „Diese Konstellation macht weniger als ein Prozent aller gynäkologischen Tumorerkrankungen aus“, betont Universitätsprofessor Dr. Soergel.
Manuela Hölters ist nach der Operation krebsfrei. Vor allem die Prognose beim Gebärmutterkörperkrebs, einer der häufigsten Krebserkrankung bei Frauen, ist sehr gut. Der Mindener Gynäkologe erläutert: „Diese Tumorart hat ausgezeichnete Heilungschancen. Rund 90 Prozent der Patientinnen bleiben nach erfolgreicher Operation dauerhaft tumorfrei.“ Anders als beim Gebärmutterhalskrebs gibt es jedoch keine etablierte Vorsorgeuntersuchung. „Blutungen und Schmerzen nach den Wechseljahren sollten immer ernst genommen und abgeklärt werden“, betont der Klinikdirektor. „Wird die Erkrankung früh erkannt, können wir sie in den allermeisten Fällen erfolgreich behandeln.“
Manuela Hölters hat es geschafft. Sie hat den Krebs besiegt. „Erstmal. Doch die Gefahr schlummert immer in mir. Aber ich lasse nicht zu, dass die Angst mich lähmt. Das Leben will gelebt werden, und das tue ich“, sagt sie lächelnd.

