13.07.2020

Eine Brille gegen die Angst

Moderne Computertechnik bei der Behandlung psychischer Erkrankungen im Einsatz

Die „VR-Brille“ wird an die Sehstärke des Patienten angepasst. Das räumliche Bild, das hier erscheint, wird ergänzt durch akustische Eindrücke.


Prof. Dr. Udo Schneider und Nicole Dukart zeigen, wie das Headset angepasst und kalibriert wird, damit der Patient ganz in die künstliche 3-D-Welt eintauchen kann.

Drei große Spinnen in einem Raum: Eine Horrorvorstellung für Patienten mit einer Spinnenphobie.

Jeder siebte Mensch in Deutschland leidet unter einer Angststörung. Das haben Untersuchungen des Robert Koch-Instituts und des Statistischen Bundesamts ergeben. Für manche ist es der Anblick einer Spinne, der sie in Panik versetzt. Andere bekommen Herzrasen oder Schweißausbrüche, wenn sie ein Flugzeug oder einen Fahrstuhl betreten sollen oder wenn sie von großen Menschenmengen umgeben sind. Viele Betroffene haben diese Ängste unter Kontrolle, es gibt aber auch Fälle, in denen die Ängste das Leben so sehr dominieren, dass sie behandlungsbedürftig werden.

Das geschieht vor allem mithilfe der sogenannten „Expositionstherapie“. Das heißt: Der Patient wird von seinem Therapeuten unter kontrollierten Bedingungen einer angstauslösenden Situation ausgesetzt. Bei der Angst vor engen Räumen – zum Beispiel einem Fahrstuhl – oder Höhen gestaltet sich das noch recht einfach. Aber welcher Therapeut hat ein Terrarium mit Spinnen zur Verfügung oder kann sich mit dem Patienten ins nächste Flugzeug setzen?

Ganz neue Chancen eröffnet eine Technik, die bislang in erster Linie von Computerspielen bekannt ist: die Simulation künstlicher Welten, „Virtual Reality“ (VR). Als einzige Einrichtung auch über die Region Ostwestfalen hinaus verfügt die Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Medizinischen Zentrum für Seelische Gesundheit über eine entsprechende Anlage, die Patientinnen und Patienten die Möglichkeit bietet, in virtuelle Realitäten einzutauchen und dabei ihre Ängste zu überwinden.

Die Anlage besteht im Wesentlichen aus einem Computer, einem Monitor für den Therapeuten, Sensoren, die die Bewegungen des Patienten im Raum erfassen, und aus einem Headset mit Kopfhörern und Displays für jedes Auge. Der Behandlungsraum, in dem die Anlage aufgebaut ist, ist – davon abgesehen – leer, damit sich der Patient ungehindert darin bewegen kann.

Ist die „VR-Brille“ einmal aufgesetzt und an den Träger angepasst, ist der Eindruck im wahrsten Sinne des Wortes täuschend echt. In Echtzeit simuliert der Computer dreidimensionale künstliche Umgebungen und registriert gleichzeitig die Bewegungen des Patienten. Das nur wenige Quadratmeter große Behandlungszimmer ist vergessen, die computergenerierten Bilder und Töne werden so erlebt, als wären sie die Realität.

Dabei lassen sich – je nach zu behandelnder Phobie – unterschiedliche Szenarien simulieren: Etwa der Blick von einem hohen Gebäude, die Begegnung mit Spinnen, ein Vortrag vor Zuhörern oder ein Flug, inklusive Start und Landung. Das Verblüffende: „Die Konfrontation mit der angstauslösenden Situation in der virtuellen Realität ist genauso effektiv wie in der realen Welt. In einigen Studien konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass bei Patientinnen und Patienten mit sozialer Angststörung die Exposition in der virtuellen Welt besser wirkt als eine gängige Verhaltenstherapie“, sagt Prof. Dr. Udo Schneider, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Die Psychologin Nicole Dukart hat sich besonders intensiv mit der neuen Technik befasst. „Ein Vorteil der virtuellen Realität ist, dass die Szenarien beliebig oft wiederholt und in mehreren Stufen gesteigert werden können. Der Therapeut, der alles auf dem Monitor überwacht, kann jederzeit regulieren und Hilfestellung geben.“ Beispiel Höhenangst: Wenn der Patient eine Höhe bewältigt hat, kann das nächste Level gewagt werden – bis hin zum Betreten einer gläsernen Aussichtsplattform. Ein weiterer Vorteil: Die Hemmschwelle, sich der angstauslösenden Situation auszusetzen, ist für den Patienten niedriger als bei einer realen Konfrontation. „Der Einstieg ist leichter, aber die Wirkung ist dieselbe“, so Professor Schneider.

Trotz aller Vorzüge ist die Therapie nicht für jeden Patienten geeignet: Fünf bis zehn Prozent reagieren mit einer Art Seekrankheit mit Schwindel und Übelkeit auf die VR-Simulation. Zurzeit ist das Haupteinsatzgebiet der neuen Technik die Behandlung von Angststörungen: Hier ist die Wirksamkeit bereits gut dokumentiert. Aber an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie ist schon ein Forschungsprojekt geplant, inwieweit sich die virtuelle Realität auch in der Behandlung von Nikotin- und Alkoholabhängigkeit einsetzen lässt. Dann könnten in Zukunft noch mehr Patientinnen und Patienten von der hochmodernen Technik profitieren.