Prostatakrebs – moderne Medizin, Vorsorge und neue Perspektiven

Interview mit Dr. Alexander Ottenhof, stellvertretender Direktor der Klinik für Urologie und des Interdisziplinären Zentrums für robotische Chirurgie am Universitätsklinikum Minden

Dr. Alexander Ottenhof ist stellvertretender Direktor der Klinik für Urologie und des Interdisziplinären Zentrums für robotische Chirurgie am Universitätsklinikum Minden.

Herr Dr. Ottenhof, Ihre Klinik strebt aktuell die Zertifizierung als Uro-Onkologisches Zentrum an. Warum ist dieser Schritt so wichtig?

Dr. Alexander Ottenhof: Eine Zertifizierung ist weit mehr als ein Qualitätssiegel. Sie ist ein klares Bekenntnis zu strukturierter, evidenzbasierter und interdisziplinärer Medizin. Für Patienten bedeutet das: Sie werden nicht isoliert behandelt, sondern profitieren von einem eingespielten Team aus Urologen, Onkologen, Radiologen, Pathologen, Nuklearmedizinern, Strahlentherapeuten, onkologischen Pflegefachpersonen und vielen Mitarbeitern der supportiven Dienste. Nahezu jeder Fall wird gemeinsam in einer Tumorkonferenz besprochen, Therapieentscheidungen werden individuell getroffen und regelmäßig überprüft. Studien zeigen eindeutig, dass Patienten in zertifizierten Zentren oft bessere Behandlungsergebnisse haben. Es geht also ganz konkret um mehr Sicherheit, Qualität und Transparenz. Wir planen in Minden die Zertifizierung zum Prostatakarzinomzentrum, Harnblasenkarzinomzentrum und Nierenkarzinomzentrum. Das zeigt auch, welch breites Spektrum wir bei der Behandlung von urologischen Karzinomen in Minden in einem hochqualitativen Umfeld abbilden.

Ein weiterer Schwerpunkt Ihrer Klinik ist die robotische Chirurgie. Welche Vorteile bietet diese Technik bei Prostatakrebs?

Dr. Alexander Ottenhof: Die robotisch assistierte Operation hat die Prostatakrebschirurgie revolutioniert. Sie ermöglicht uns eine extrem präzise Arbeitsweise mit feinsten Instrumenten und einer hochauflösenden 3D-Sicht. Das ist besonders wichtig, weil wir bei der Prostata sehr nah an empfindlichen Strukturen operieren, die für Kontinenz und Potenz entscheidend sind. Patienten profitieren häufig von weniger Blutverlust, geringeren Schmerzen, einer schnelleren Erholung und – ganz entscheidend – besseren funktionellen Ergebnissen, was im Übrigen nicht nur für urologische Operationen gilt, sondern auch für Eingriffe aus dem Gynäkologischen- und Allgemeinchirurgischen Fachgebiet. Die Technik ersetzt dabei nicht den Operateur, sondern erweitert seine Möglichkeiten enorm. Wir sind sehr stolz, dass wir seit Ende 2024 das DaVinci-System auch im Universitätsklinikum Minden im Einsatz haben. Seit dem konnten wir im Interdisziplinären Zentrum für Robotische Chirurgie OWL (IZR-OWL) in Minden zusammen mit den Kolleg*innen der Allgemeinchirurgischen- und Gynäkologischen Klinik bereits über 450 Operationen erfolgreich durchführen.

Wie wichtig ist die Vorsorge bei Prostatakrebs – und für wen ist sie besonders relevant?

Dr. Alexander Ottenhof: Vorsorge ist der Schlüssel zur frühen Diagnose – und damit zu deutlich besseren Heilungschancen. Wir empfehlen Männern ab 45 Jahren, regelmäßig zur Vorsorge zu gehen, bei familiärer Vorbelastung sogar schon früher. Viele Männer scheuen sich noch immer vor dem Thema, dabei ist die Untersuchung unkompliziert und schnell erledigt. Entscheidend ist: Prostatakrebs verursacht im frühen Stadium meist keine Beschwerden. Wer wartet, bis Symptome auftreten, riskiert, dass die Erkrankung bereits fortgeschritten ist. Vorsorge kann Leben retten – und sie gibt Sicherheit.

Welche modernen Behandlungsformen stehen heute bei Prostatakrebs zur Verfügung?

Dr. Alexander Ottenhof: Die Therapie ist heute sehr individuell und hängt stark vom Stadium und der Aggressivität des Tumors ab. Neben der Operation gibt es moderne Strahlentherapien, die sehr zielgenau arbeiten und umliegendes Gewebe schonen. Große Studien haben aber auch gezeigt, dass in frühen, wenig aggressiven Fällen auch eine sogenannte aktive Überwachung sinnvoll und sicher durchzuführen ist. Hier kann man unter Umständen eine mögliche Übertherapie vermeiden und den Befund zunächst engmaschig kontrollieren, ohne aktiv eine Therapie einleiten zu müssen. Bei fortgeschrittenen Erkrankungen kommen häufig kombinierte Therapien wie z.B. Hormon- und Chemotherapien und möglicherweise gezielte Bestrahlungstherapien zum Einsatz. Die große Stärke der heutigen Medizin ist die Vielfalt an Optionen, die wir gezielt kombinieren können. Umso wichtiger ist aber in jedem Tumorstadium eine ganz patientenindividuelle Beratung und Therapieplanung

Viele Patienten haben große Angst vor den möglichen Folgen der Behandlung. Was können Sie ihnen dazu sagen?

Dr. Alexander Ottenhof: Diese Sorgen sind absolut nachvollziehbar. Themen wie Inkontinenz oder Potenzverlust beschäftigen viele Männer sehr. Die gute Nachricht ist: Durch moderne Operationstechniken wie beispielsweise dem DaVinci-System, moderne strahlentherapeutische Optionen und spezialisierte, individuelle Nachsorge haben sich die Ergebnisse in den letzten Jahren deutlich verbessert. Zudem begleiten wir unsere Patienten eng – mit Physiotherapie, medikamentöser Unterstützung und Beratung. Wichtig ist, offen über Ängste zu sprechen. Wir nehmen diese ernst und finden gemeinsam Lösungen.

Was macht Ihnen persönlich Mut im Umgang mit Prostatakrebs?

Dr. Alexander Ottenhof: Was mir wirklich Mut macht, ist die enorme Entwicklung der letzten Jahre. Prostatakrebs ist heute in vielen Fällen eine gut behandelbare, oft sogar heilbare Erkrankung – insbesondere, wenn sie früh erkannt wird. Gleichzeitig werden Therapien immer schonender und individueller. Ich erlebe viele Patienten, die nach der Behandlung wieder ein ganz normales, aktives Leben führen. Diese Perspektive hat sich grundlegend verbessert. Und das ist eine sehr positive Botschaft.

Was möchten Sie Männern abschließend mit auf den Weg geben?

Dr. Alexander Ottenhof: Nehmen Sie Ihre Gesundheit ernst und gehen Sie zur Vorsorge. Informieren Sie sich, stellen Sie Fragen und scheuen Sie sich nicht, Unterstützung anzunehmen. Prostatakrebs ist kein Thema, das man verdrängen sollte – aber auch keines, vor dem man in Panik geraten muss. Mit der heutigen Medizin haben wir sehr gute Möglichkeiten, erfolgreich zu behandeln. Der wichtigste Schritt ist, aktiv zu werden.

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