15.10.2019

Schockwellen zerstören Kalkablagerungen im Herzen

Neue Behandlungsmethode im Universitätsklinikum Minden

Eine Herzkatheterlaboruntersuchung wird unter sterilen Bedingungen durchgeführt. Hier wird ein Patient für den Eingriff vorbereitet. Auf dem großen Bildschirm werden während des Eingriffs alle relevanten Gesundheitsdaten sowie die genaue Positionierung des Katheters dargestellt.


Klinikdirektor PD Dr. Marcus Wiemer (links) und der Leiter des Herzkatheterlabor Dr. Alexander Samol (rechts) freuen sich wenige Stunden nach dem erfolgreichen Eingriff, dass es ihrer Patientin Ursula Bültmann wieder gut geht. Die beiden Herzspezialisten haben Ursula Bültmann vor einer großen Herz-OP verschont.

Im Herzkatheterlabor: Die Leiterin des Funktionsdienstes im Herzkatheterlabor Anke Bekemeier, der ärztliche Leiter des Herzkatheterlabors Dr. Alexander Samol, Klinikdirektor PD Dr. Marcus Wiemer und Oberärztin Dr. Iris Barndt.

Eine OP am offenen Herzen schien für Ursula Bültmann unausweichlich. Eine hartnäckige Verengung am Herzkranzgefäß ließ sich im Herzkatheterlabor nicht weiten. Doch durch einen neuartigen Eingriff konnten ihr die Herzspezialisten des Universitätsklinikums Minden um Privatdozent Dr. Marcus Wiemer eine aufwändige Bypass-Operation ersparen.

Üblicherweise werden Verengungen in den Herzkranzgefäßen im Herzkatheterlabor durch Ballons geweitet und die Stelle dann mit einer Gefäßstütze (Stent) stabilisiert. Bei drei Engstellen hatte das System bei Ursula Bültmann auch gut funktioniert. Bei der vierten und letzten Stelle leider nicht. Die Verengung war so hart, dass sie durch den Ballon nicht geweitet werden konnte. „Wir haben den Ballon mit bis zu 30 Bar gefüllt – ohne Erfolg“, berichtet der Leiter des Herzkatheterlabors Dr. Alexander Samol. Zum Vergleich: ein Autoreifen ist normalerweise mit zwei bis drei Bar gefüllt. Trotz aller Bemühungen der Kardiologen ließ sich die Verengung nicht beheben. Da die Innenhaut des Gefäßes ebenfalls geschädigt war, konnte die Läsion auch nicht aufgebohrt werden. Man brach den Eingriff ab. „Ich war schon sehr niedergeschlagen. An dem Abend habe ich auch ein paar Tränen verdrückt“, sagt Ursula Bültmann, der die Alternative mit einer großen Herz-OP durchaus bewusst war.

Immer wieder kommt es vor, dass Verkalkungen in Herzkranzgefäßen so hart sind, dass sie nicht geöffnet werden können. „In der Regel kamen die Patienten dann nicht um eine aufwändige Bypass-OP herum. Das ist aber verbunden mit einem etwa vierzehntägigen Krankenhausaufenthalt und mit einer mehrwöchigen Reha. Außerdem sind Operationen am offenen Herzen auch nicht ganz ohne Risiko“, sagt Privatdozent Dr. Marcus Wiemer, Direktor der Klinik für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin am Johannes Wesling Klinikum Minden. 

Doch die Herzspezialisten am Universitätsklinikum Minden hatten noch eine Idee, wie sie ihrer Patientin eine Bypass-Operation ersparen konnten: die Intravaskuläre Lithotripsie. Bei dem neuartigen Verfahren wird eine durch Verkalkungen ausgelöste Verengung durch Ultraschallwellen aufgesprengt. „Der Eingriff läuft im Prinzip identisch ab wie eine normale Herzkranzgefäßweitung. Der einzige Unterschied ist, dass die Verengung nicht durch mechanischen Druck eines Ballons gelöst wird, sondern durch Ultraschallwellen aufgesprengt wird. Der spezielle Katheter muss allerdings auch durch die Arterie bis zur Verengung vorgeschoben werden. „Wir haben durch die Methode eine Chance mehr, Patientinnen und Patienten ohne große Bypass-Operation zu helfen“, berichtet Privatdozent Dr. Marcus Wiemer.

Das neue Verfahren wurde bei Ursula Bültmann einen Tag nach dem vergeblichen Eingriff angewendet – und es klappte. „In einer Stunde war es vorbei und schon eine weitere Stunde später stand ich wieder auf den Beinen. Ich bin überglücklich und unfassbar froh“, erzählt Ursula Bültmann. Sofort merkte sie einen Unterschied: „Der Druck in der Brust ist weg. Seit drei Jahren laboriere ich daran nun schon rum. Es war wie ein Gürtel unter der Brust, der mich immer weiter zugeschnürt hat. Teils habe ich auch keine Luft mehr bekommen. Das Gefühl ist nun komplett weg. Ich kann wieder frei atmen“, sagt die Mindenerin.

Die neue Methode bietet auch für Risikopatienten eine neue Behandlungsoption. „Ohne dieses Verfahren könnten wir Patienten mit einem hohen Blutungsrisiko oder Patienten mit schlechtem gesundheitlichen Allgemeinzustand nicht helfen“, sagt Privatdozent Dr. Marcus Wiemer. Zum Standardverfahren wird die Schockwellentherapie aber erstmal nicht: „Das übliche Ballonverfahren ist genauso gut und ebenso sicher wie das neue Schockwellenverfahren, um Engstellen in Gefäßen zu weiten. Aber als zusätzliche Behandlungsoption bei sehr harten Verkalkungen ist das Verfahren ein echter Gewinn für unsere Patientinnen und Patienten“, so der Klinikdirektor. Bislang wurden am Universitätsklinikum Minden in den vergangenen zwei Monaten drei Patienten mit dem Ultraschallverfahren ohne Komplikationen sehr erfolgreich behandelt.

Ursula Bültmann konnte bereits einen Tag nach dem erlösenden Eingriff das Johannes Wesling Klinikum wieder verlassen. „Jetzt geht es aufwärts – und das ganz ohne die große Herz-OP“, freut sie sich.