15.05.2018

Die freiwilligen Helfer

Beliebte Auszeit zwischen Schule und Ausbildung


 Wenn Michelle Schulze morgens aufsteht und zur Arbeit ins Johannes Wesling Klinikum geht, dann macht sie es freiwillig. Und sie ist bei weitem nicht allein. Mehr als 60 junge und hin und wieder auch ältere Menschen machen derzeit am Universitätsklinikum in Minden ein Freiwilliges Jahr. Insgesamt arbeiten bei den Mühlenkreiskliniken mehr als 100 Freiwillige. Michelle Schulze nutzt den Bundesfreiwilligendienst zwischen Schule und Ausbildung als Lernpause und berufliches Orientierungsjahr. „Es gibt zwei Gründe warum ich mich für den Freiwilligendienst gemeldet habe. Erstens will ich herausfinden, ob Krankenpflege wirklich der richtige Beruf für mich ist und zweitens will ich Menschen helfen. Und das kann ich im Freiwilligendienst“, sagt sie. Die 19-Jährige ist trotz der Freiwilligkeit voll in den Arbeitsablauf auf ihrer Station eingebunden: Patientenversorgung, Waschen, Essen reichen. Sogar Nachtdienste hat sie übernommen – freiwillig, wie sie betont. „Meine Stationsleitung hat gefragt, ob ich daran Interesse hätte. Ich habe zugesagt, weil Nachtdienste zum Berufsbild dazu gehören. Wenn ich den Beruf für mich testen will, dann auch unter den richtigen Bedingungen“, erzählt die junge Frau. Die volle Integration in den Stationsalltag empfindet sie als große Verantwortung: „Man wird gebraucht. Klar dürfen wir nicht alle Arbeiten übernehmen. Einige Arbeiten sind den examinierten Pflegekräften vorbehalten. Aber auch dabei dürfen wir über die Schulter schauen.“ Trotz der engen Einbindung in den Stationsalltag hat Michelle Schulze das Gefühl, Zeit für die Patienten zu haben. „Ein besonders schöner Moment ist die Nachmittagszeit. Da wird es etwas ruhiger und wir bieten unseren Patienten einen Kaffee an. Ich gehe dann mit einer Kaffeekanne durch die Zimmer. Hin und wieder bleibe ich dann noch einige Minuten und unterhalte mich. Ich habe das Gefühl, dass einige Patienten regelrecht auf mich warten und sich über meinen Besuch freuen. Einige habe ich richtig ins Herz geschlossen.“ 

Ähnliches hat auch Jason Konc erlebt. Der 18-Jährige hat nach dem Schulabschluss bereits eine technische Ausbildung angefangen. Schnell hat er gemerkt, dass seine Wahl nicht das richtige für ihn war. „Jetzt wollte ich sicher sein und hab mich quasi für ein Probejahr entschieden. Nach fünf Monaten kann ich nun sagen: Meine berufliche Zukunft sehe ich im Gesundheitswesen“, berichtet Jason Konc. Wo genau er später arbeiten will, weiß er noch nicht. „Auch den Rettungsdienst finde ich unglaublich spannend. Als Einstieg habe ich mich aber nun für eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger an der Akademie für Gesundheitsberufe entschieden“, erzählt Konc. Nicht nur in der Pflege gibt es die Möglichkeit eines Freiwilligen Jahrs bei den Mühlenkreiskliniken. Mögliche Einsatzorte sind der Transportdienst, das Labor, die Radiologie, die Technik, die Bettenzentrale, das Eltern-Kind-Zentrum, die Notaufnahme, die Endoskopie, die Dialyse, der OP, die Apotheke, die zentrale Sterilgutversorgung und sogar die IT.

Für ein Freiwilliges Jahr in der IT hat sich Nina Leitreiter entschieden. Die 19-Jährige hat sich schon immer für Informatik und Informationstechnologie interessiert. Schon in der Schule hat sie erste eigene Programme geschrieben. „Bei den Mühlenkreiskliniken will ich ausprobieren, ob der IT-Bereich meine persönliche Zukunftsbranche ist“, erzählt sie. Noch hat sie sich nicht entschieden. „Ich schwanke zwischen IT oder einem künstlerischen Arbeitsfeld. Vielleicht lässt sich auch beides verbinden“, sagt sie. 

Bei den Mühlenkreiskliniken ist sie im sogenannten „First Level Support“ beschäftigt. Das ist der Bereich, wo alle IT-Probleme als erstes aufschlagen. „Ich repariere PCs, baue Arbeitsplätze auf, installiere und warte Computerprogramme. Eigentlich kümmere ich mich um alles, was nicht funktioniert“, sagt Nina Leitreiter. Einfache Probleme kann sie ganz alleine lösen. Bei komplizierteren Problemen schauen ihr die erfahrenen Systemadministratoren und Informatiker der Mühlenkreiskliniken über die Schulter. „Was mich besonders beeindruckt, ist die Vielfalt. Ein Krankenhaus hat mehr zu bieten als ein normales Unternehmen, weil die verschiedenen Bereiche auch unterschiedliche, hochspezielle IT-Systeme besitzen. Und ich glaube, dass ich das Johannes Wesling Klinikum in den vergangenen Monaten besser kennengelernt habe als viele andere Mitarbeiter. Ich war überall: Im OP, Labor, in Büros, einfach überall“, erzählt sie. 

Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe hat Lara Dröge übernommen. Die 18-Jährige aus Porta Westfalica arbeitet für ein Jahr auf der Onkologischen Pflegestation im Johannes Wesling Klinikum. Sie sieht während ihres Dienstes Patienten in ganz unterschiedlichen Krebsstadien – von dem Patienten mit sehr guter Perspektive bis zum austherapierten Patienten bei dem es um einen Tod ohne Schmerzen geht. Sie sieht menschliche Schicksale, trauernde und wütende Angehörige, Leid, Schmerz, aber auch Glück und Freude. „Mit nach Hause nehme ich diese hochemotionalen Geschichten nicht. Wenn man das alles an sich ranlässt, dann kann man den Job nicht machen. Wichtig für mich ist, dass wir hier im Team über alles reden“, erzählt Lara Dröge. Sie hat während ihrer Arbeit gelernt, dass der Tod zum Leben dazu gehört. „Der Tod ist ein Tabuthema – gerade bei jungen Menschen wie uns. Auf der Onkologischen Station habe ich gelernt, den Tod zu akzeptieren. Ich denke, dass dies für mich eine der Hauptlehren aus dieser Zeit werden wird“, sagt sie. Ihr ehemaliger Kollege Jesse Heydenrych (20) sieht das ähnlich. „Es war für mich die erste Konfrontation mit dem Tod. In meinem Jahr hier habe ich gelernt, dass der Tod nicht immer das schreckliche Ende sein muss. Ich habe Patienten auf ihrem letzten Weg begleitet, die im Einklang mit sich und der Umwelt eingeschlafen sind. So paradox das klingt: Am Ende war für diese Patienten alles gut – im Übrigen auch für die Angehörigen“, erzählt Jesse Heydenrych.

Trotz ihrer guten Erfahrungen wollen die beiden zukünftig nicht im Gesundheitswesen arbeiten. Jesse Heydenrych will Journalist werden, Lara Dröge Tierärztin. Das Jahr Freiwilligendienst sehen sie als Auszeit von der Schulbank. „Hier lernt man die Belastungen eines normalen Berufslebens kennen. Das sind ganz andere als in der Schule oder einem Studium. Ich war die erste Zeit nach den Diensten ganz schön kaputt. Ich glaube, meine Erfahrungen bei den Mühlenkreiskliniken haben mich mental stärker gemacht“, resümiert Jesse Heydenrych.

Der Freiwilligendienst
Der Bundesfreiwilligendienst und das Freiwillige Soziale Jahr können an allen Standorten der Mühlenkreiskliniken geleistet werden. Die Voraussetzungen gibt der Gesetzgeber vor. In jedem Fall muss der Bewerber die Schulpflichterfüllt haben. Alter, Geschlecht oder Nationalität spielen keine Rolle. Für Menschen, die über 25 Jahre sind, kann der Bundesfreiwilligendienst auch in Teilzeit geleistet werden. Alle Freiwilligen besuchen bis zu fünf kostenlose Seminare im Jahr und erhalten ein Taschengeld in Höhe von mindestens 330 Euro pro Monat. In Einzelfällen werden bis zu 600 Euro bezahlt. Abgaben für Sozialversicherungen fallen für den Freiwilligen nicht an. Nach Abschluss erhält jeder Freiwillige ein qualifiziertes Arbeitszeugnis.

So kann man sich bewerben:

Alle Bewerber sollten ihre aussagekräftige Bewerbung
inklusive Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnissen, Zeitraum
und Wunschbereich an folgende E-Mail senden:
bewerbungsmanagement@muehlenkreiskliniken.de