10.10.2018

Von Anfang an geborgen

Vierte Weltstillwoche im Krankenhaus Lübbecke-Rahden

Kreißsaal- und Stationsbesichtigung: Dafür sind die Haltetücher da: Dr. Albert Neff und Hebamme Linda van den Bril lassen Janine und Sascha Dauks ausprobieren.


Vortrag: Dr. Albert Neff und Hebamme Frauke Werner-Winkelmeier informierten über „Wunschkaiserschnitte“ und natürliche Geburten.

Schon zum vierten Mal hat sich die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Krankenhauses Lübbecke-Rahden an der Weltstillwoche beteiligt, um mit einem vielfältigen Programm auf die Bedeutung des Stillens aufmerksam zu machen – ein Herzensanliegen für das Team der als „Babyfreundliches Krankenhaus“ zertifizierten Klinik. Hier wird alles darangesetzt, von Anfang an eine gute Eltern-Kind-Beziehung zu fördern und einen gesunden Start ins Leben zu ermöglichen.
Die Angebotspalette reichte diesmal vom Fotoshooting mit Baby bis zum Großelternkurs, vom Trageworkshop bis zur Einführung in die Babypflege. Premiere im Rahmen der Veranstaltungen zur Weltstillwoche hatte ein Vortrag, in dem es um „die Zeit davor“ ging – um das Thema Kaiserschnitt. Aus gegebenem Anlass: Die sogenannten „Wunsch-Kaiserschnitte“ werden immer beliebter. Welche Gründe gibt es dafür? Und welche Auswirkungen hat die Entscheidung für eine geplante Geburt? Darüber referierten Dr. Albert Neff, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, und die beiden Hebammen Marion Skeretsch und Frauke Werner-Winkelmeier.

In Deutschland kommt bereits jedes dritte Kind (35 Prozent) per Kaiserschnitt zur Welt. Allerdings gibt es deutliche regionale Unterschiede: In Sachsen liegt die Quote bei nur 20 Prozent, im Saarland bei 50 Prozent. Und es gibt sogar Kliniken, da sind es schon 100 Prozent. Das spart Personal, denn wo nur noch zwischen 8 und 16 Uhr entbunden wird, müssen nachts keine Teams mehr vorgehalten werden. Den Frauen aber wird dadurch jede Wahlmöglichkeit genommen. „Eine Katastrophe“, so Dr. Neff.
Die Geburtshilfe in Lübbecke geht einen anderen Weg – ganz bewusst. Es gehört zur Philosophie der Klinik, dass Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett ganz natürliche Prozesse im Leben einer Frau sind. Die Kaiserschnitt-Quote liegt hier mit 20 Prozent (bei 780 Geburten im Jahr 2017) eher niedrig. Dennoch beobachtet Dr. Neff auch hier bereits eine steigende Nachfrage nach Wunsch-Kaiserschnitten, für die es keine medizinische Indikation gibt.

Tatsächlich sei der Kaiserschnitt zwar mittlerweile ein sehr sicherer Eingriff mit einer niedrigen Komplikationsrate geworden, so Dr. Neff. Und es gebe auch medizinische Vorteile, zum Beispiel die geringere Belastung des Beckenbodens. Meist seien die Motive, sich für eine geplante Geburt zu entscheiden, aber andere. Der allgemeine Trend zu mehr Selbstbestimmtheit. Die bessere Koordinierbarkeit des Geburtstermins. Und eine große Angst – vor den Schmerzen und vor dem Unbekannten der Geburt.
Bestätigt wird diese Einschätzung durch eine Beobachtung von Frauke Werner-Winkelmeier: „Die Entscheidung für einen geplanten Kaiserschnitt wird meist im ersten Schwangerschaftsdrittel getroffen“, sagt die erfahrene Hebamme, also dann, wenn die Unsicherheit besonders groß ist. Ihr Rat an die Zuhörerinnen deshalb: „Fragen Sie nicht Dr. Google. Suchen Sie sich Fachleute. Sprechen Sie mit Ihren Gynäkologen und den Hebammen“.

In schwierigen geburtshilflichen Situationen könne ein Kaiserschnitt lebensrettend sein: „Wir alle sind froh, dass wir ihn haben,“ betont Frauke Werner-Winkelmeier. Und sollte eine Frau den Wunsch nach einem Kaiserschnitt haben, werde das in Lübbecke auf jeden Fall respektiert. Aber ohne medizinische Indikation gebe es gute Gründe, sich für eine natürliche Geburt zu entscheiden. So litten Babys, die auf natürlichem Weg geboren werden, seltener am Atemnotsyndrom. Und: „Kaiserschnittmütter haben es oft schwerer, mit dem Kind in Kontakt zu kommen,“ ist ihre Erfahrung. Die Erklärung dafür liegt im komplexen Zusammenspiel der Hormone, die während einer natürlichen Geburt ausgeschüttet werden und sich auch auf das In-Gang-Kommen einer gelungenen Stillbeziehung auswirken.
„Der Anfang ist sehr wichtig“, bestätigt ihre Kollegin Marion Skeretsch. Sie ermutigt Schwangere, den natürlichen Geburtsverlauf mit seinem Rhythmus aus Wehen und Wehenpausen als etwas Positives für sich und das Kind anzunehmen. „In dem Moment, in dem das Kind geboren wird, explodieren die Endorphine. Man ist sofort schockverliebt, wie wir das nennen, in ‚das schönste Kind der Welt‘. Man ist sofort Mutter beziehungsweise Vater.“ 

Wichtig ist dabei nicht nur die bestmögliche Unterstützung – ob nun durch den Partner, ein Familienmitglied oder die beste Freundin –, sondern auch eine Umgebung, die es den Frauen vor, während und nach der Geburt so leicht wie möglich macht. Auf der Führung im Anschluss an den Vortrag konnten die Teilnehmer der Veranstaltung einen Blick in den erst vor wenigen Monaten neu gestalteten Kreißsaal werfen. Warmes Licht und freundliche Farben begrüßen hier die werdenden Mütter und sorgen für eine Atmosphäre der Entspannung. Die vorhandene medizinische Technik lässt sich zwar nicht ganz verstecken, aber sie dominiert den Raum nicht. Eher schon die runde Gebärwanne, die den Frauen eine Möglichkeit mehr bietet, ihr Kind auf natürlichem Wege zur Welt zu bringen. Dass der Kreißsaal fast wohnlich und wenig klinisch wirkt, trägt dazu bei, Ängste gar nicht erst entstehen zu lassen.
Insgesamt drei moderne Kreißsäle stehen am Lübbecker Krankenhaus zur Verfügung – ausgestattet mit allem, was die Geburt erleichtert, von der Sprossenwand bis zum Gebärhocker. Sollte aber dennoch ein Kaiserschnitt erforderlich sein, ist der OP ganz in der Nähe. Deshalb machte Marion Skeretsch allen werdenden Müttern noch einmal ausdrücklich Mut. „Es ist ein ganz tolles Erlebnis, ein Kind zu bekommen, ein wirkliches Geschenk. Lassen Sie sich dieses Geschenk nicht nehmen.“

Auf eine gesunde, frühe Bindung zwischen Eltern und Kind ist auch die nachgeburtliche Betreuung auf der Station 7 West ausgerichtet. Hier gibt es nicht nur ein 24-Stunden-Rooming-in, bei dem Mutter und Kind rund um die Uhr zusammenbleiben können, sondern auf Wunsch auch ein „Daddy-in“, damit auch der Partner die erste gemeinsame Zeit mit dem Baby genießen kann. Oberstes Gebot für das Klinikpersonal ist, die Beziehung zwischen Eltern und Neugeborenem so wenig wie möglich zu stören. „Wir kümmern uns um die Mütter, damit die sich um ihre Kinder kümmern können. Wir helfen ihnen dabei, ihr Kind kennenzulernen, und bereiten sie auf die Zeit zu Hause vor“, sagt Kinderkrankenschwester Sabine Freier, und zwar „so viel oder so wenig wie gewünscht wird“. Unterstützung nach Maß, damit es Mutter und Kind von Anfang an gut geht.