Es begann langsam, fast unbemerkt. Renate Klusmeier hatte immer mehr Probleme mit dem Essen und dem Trinken. Immer häufiger übergab sie sich – meist direkt nachdem sie etwas zu sich genommen hatte. Eine ganze Zeit konnte die rüstige Seniorin ihre körperlichen Beschwerden verstecken, auch vor ihren Töchtern Christina Simmerl und Susanne Sieweke. Der langsame Verlauf ihrer Erkrankung machte es ihr leicht, die Beschwerden zu verbergen. Heute kann Renate Klusmeier wieder herzhaft zubeißen. Als erste Patientin wurde sie am Krankenhaus Bad Oeynhausen erfolgreich mit dem modernen POEM-Verfahren (Perorale endoskopische Myotomie) behandelt. Der hochkomplexe Eingriff wird nur an wenigen Zentren in Deutschland wie in Düsseldorf, Berlin oder Hamburg durchgeführt. Nun bietet auch die Klinik für Innere Medizin – Gastroenterologie am Krankenhaus Bad Oeynhausen diese endoskopische Therapie an. Der Eingriff wurde vom Geschäftsführenden Oberarzt Hendrik Poos durchgeführt.
Renate Klusmeier leidet unter Achalasie. Dabei erschlafft der untere Schließmuskel der Speiseröhre nicht ausreichend. Gleichzeitig verlaufen die Muskelbewegungen der Speiseröhre unkoordiniert. Die Nahrung staut sich in der Speiseröhre und gelangt nicht in den Magen. „Es fing ganz schleichend an“, berichtet die Patientin. „Zuerst hatte ich Probleme mit Brot oder Fleisch. Später blieb selbst Suppe und Wasser stecken. Ich habe mich kaum noch getraut zu essen. Ich habe viel Gewicht verloren, weil ich Angst vor dem Essen hatte.“ Ursache der Erkrankung ist nach aktuellem Wissensstand das Absterben von Nervenzellen in der Speiseröhrenwand, das die koordinierte Muskelbewegung steuert. Da es sich um einen Nervenzellverlust handelt, wird die Achalasie auch den neurodegenerativen Erkrankungen zugeordnet.
Charakteristisch sind zunehmende Schluckstörungen, das Erbrechen unverdauter Nahrung sowie Schmerzen hinter dem Brustbein. Der Weg zur richtigen Diagnose dauert meistens sehr lange. Das erste Hemmnis auf dem Weg zur Diagnose sind die Patientinnen und Patienten meistens selbst. Denn gerade das plötzliche Erbrechen von unverdauter Nahrung ist sehr schambehaftet: „Ich habe mich zurückgezogen, auch von meiner Familie. Gegessen habe ich in der Öffentlichkeit kaum noch etwas. Dabei war ich immer jemand, der mit Genuss gegessen hat; insbesondere Kuchen und Nachspeisen“, berichtet Renate Klusmeier. Irgendwann haben ihre Töchter Christina Simmerl und Susanne Sieweke die Mutter aber mit der Veränderung konfrontiert. „Wir haben uns große Sorgen gemacht und fühlten uns in der Situation ein Stück weit hilflos", erzählt Christina Simmerl.
Ihr Hausarzt ließ die Bad Oeynhauserin ins Krankenhaus Bad Oeynhausen einweisen. Dort diagnostizierte der Geschäftsführende Oberarzt Hendrik Poos Achalasie, nachdem er andere Erkrankungen wie Reflux, Entzündungen oder bösartige Tumoren ausgeschlossen hatte. Ein glücklicher Zufall war, dass Renate Klusmeier zufällig genau auf den Arzt getroffen ist, der sich an anderen Kliniken auf eine neue Behandlungsmethode vorbereitet hat und diese nach Bad Oeynhausen holen will.
Bislang wird die Erkrankung durch nicht-operative Verfahren wie eine Ballon-Erweiterung oder Botox-Spritzen behandelt. Eine innovative, minimal-invasive Alternative ist POEM. Dabei wird unter Vollnarkose ein Endoskop durch den Mund eingeführt und am Ende der Speiseröhre beim Übergang zum Magen die Speiseröhrenwand versetzt Schicht für Schicht aufgetrennt. In der äußeren Schicht der Speiseröhrenwand wird dann die Muskulatur durchtrennt, die für das fehlerhafte Verschließen der Speiseröhre verantwortlich ist.
„Mit dem Verfahren wird der gestörte Nahrungstransport dauerhaft wiederhergestellt“, erklärt Oberarzt Hendrik Poos. „Alle anderen Verfahren bieten meistens nur temporäre Hilfe. Ein weiterer große Vorteil liegt in der minimal-invasiven Technik: Der Eingriff erfolgt komplett endoskopisch über den Mund. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das eine schonende Behandlung mit kurzer Erholungszeit“, erläutert der Geschäftsführende Oberarzt Hendrik Poos.
Dass das Verfahren nun erstmals am Krankenhaus Bad Oeynhausen durchgeführt wurde, markiert einen wichtigen Schritt in der Weiterentwicklung des medizinischen Angebots vor Ort. „Es ist uns ein großes Anliegen, moderne und evidenzbasierte Therapieverfahren auch regional anzubieten“, betonen der Klinikdirektor Dr. Oliver Engelhard und der Ärztliche Direktor Dr. Mathias Emmerich. „Gerade bei seltenen Erkrankungen wie der Achalasie profitieren Betroffene enorm von spezialisierten Behandlungsoptionen. Und da diese Behandlung bislang nicht in näherer Umgebung angeboten wird, ist das ein echter Mehrwert für die Bevölkerung in Ostwestfalen-Lippe.“
Bereits kurz nach dem Eingriff verspürte Renate Klusmeier eine deutliche Erleichterung. „Ich konnte wieder ganz normal trinken – ohne dieses Druckgefühl in der Brust“, berichtet sie erleichtert. „Das erste Brötchen nach der Operation war für mich ein kleines Wunder.“ Auch die nächtlichen Beschwerden sind seitdem verschwunden. Ihr Gewicht stabilisiert sich, die Lebensqualität ist zurückgekehrt. Anfang Dezember war der endoskopische Eingriff. „Über Weihnachten habe ich im Kreis meiner Familie mit großem Genuss herrlichstes Essen gegessen – und vor allem einen großen Berg an Nachspeisen. Das ist Lebensqualität“, sagt Renate Klusmeier und strahlt über das ganze Gesicht.
