14.06.2021

Auf dem Weg zurück ins Leben

Krankenhaus Bad Oeynhausen begleitet Patientinnen und Patienten bei der Beatmungsentwöhnung

Klinikdirektor Thorsten Kunst (Mitte) und Thomas Schmitz, Fachkraft für Anästhesie- und Intensivpflege, bei der Abschlussvisite von Harald Möhring auf der Intensivstation nach einem erfolgreichen Weaning im Krankenhaus Bad Oeynhausen.


Eine langfristige künstliche Beatmung ist für den Körper eine enorme Belastung. Langzeitbeatmete Patientinnen und Patienten –  beispielsweise nach einer schweren Covid-Erkrankung – müssen mühsam von der Beatmung wieder entwöhnt werden. Weaning nennt sich das spezielle Verfahren, bei dem Patientinnen und Patienten mit Atemtraining, Physiotherapie, Logopädie und auch psychologischer Betreuung das eigenständige Atmen wieder lernen können. Am Krankenhaus Bad Oeynhausen gibt es viel Erfahrung mit dem Weaning.
 
Harald Möhring hat einen sehr schweren Covid-Verlauf hinter sich, seit er sich im März mit SARS-CoV2 infiziert hatte. Mehrere Monate musste er auf der Intensivstation im Johannes Wesling Klinikum behandelt und beatmet werden. Am Ende wurde die Beatmung direkt durch einen Luftröhrenschnitt durchgeführt. Die Beatmungsentwöhnung ohne spezielle Hilfe fiel Harald Möhring aufgrund der langen Beatmungszeit schwer. „In der Regel wird auf den Intensivstationen zwei- oder dreimal versucht, die automatische Beatmung abzustellen. Wenn die Spontanatmung nicht sofort wiedereinsetzt, wird der Patient in der Regel in ein Krankenhaus mit der Spezialkompetenz zum Weaning – also der Beatmungsentwöhnung – verlegt. Im Moment begleiten wir viele ehemalige Covid-Patientinnen und -Patienten aus der Region auf ihrem Weg zurück in ein normales Leben“, erklärt der Direktor der Klinik für Innere Medizin – Pneumologie am Krankenhaus Bad Oeynhausen, Thorsten Kunst.

Wichtig für ein gutes Weaning sind insbesondere viel Geduld, interdisziplinäre Zusammenarbeit vieler Expertinnen und Experten und eine stetige Kontrolle der Blutgaswerte. „Zwei Mitarbeiter sind gerade in der Weiterbildung zum Atmungstherapeuten, eine zweijährige Weiterbildung für Intensivfachpflegekräfte. Wir wollen unsere langjährige Weaning-Erfahrung auch dokumentieren und professionalisieren“, berichtet Klinikdirektor Thorsten Kunst.

Zu Beginn des Weaning-Prozesses wird langsam versucht, die Intervalle ohne Beatmung zu verlängern. „Man fängt mit wenigen Minuten an und steigert sich. Dabei muss natürlich immer die Sauerstoffsättigung im Blut kontrolliert werden“, so Kunst. Die allermeisten Weaning-Patient*innen werden über einen Luftröhrenschnitt beatmet, so dass die Beatmung jederzeit wieder begonnen werden kann. Hinzu kommen zweimal täglich Physiotherapie, Logopädie, Muskelaufbautraining, Atemtraining, Ernährungstherapie und auch eine psychologische Betreuung und Begleitung. „Wir sprechen hier über eine hohe Betreuungsintensität. Die ersten Schritte von Weaning-Patientinnen und -Patienten zurück in ein normales Leben sind sehr intensiv“, sagt die Pflegedienstleiterin Anna Beringhoff, die das Weaning am Krankenhaus Bad Oeynhausen von der pflegerischen Seite betreut. 

Wie lange ein Weaning-Prozess dauert, ist höchst unterschiedlich. Manchmal sind es ein paar Tage, manchmal Wochen, Monate oder sogar Jahre. „Weaning ist ein Prozess, bei dem der Patient das Tempo vorgibt. Prognosen sind auch für erfahrene Mediziner schwierig. Manchmal ist es auch notwendig, wieder einen Schritt zurückzugehen und einen neuen Anlauf zu nehmen“, erläutert Kunst.

Bei Harald Möhring hat das Weaning auf der Intensivstation des Krankenhauses Bad Oeynhausen 13 Tage gedauert – eine vergleichbar kurze Zeit. „Ich bin allen Pflegekräften, Physiotherapeuten, Logopäden und Ärzten, die mich in den vergangenen Monaten betreut haben, sehr, sehr dankbar. Jetzt freue ich mich darauf, die Intensivstation erstmal verlassen zu dürfen“, sagt Möhring. Bis zur endgültigen Genesung ist es für Harald Möhring aber noch ein langer Weg. In den nächsten Tagen wird er auf der Normalstation medizinisch und pflegerisch versorgt, bevor er sich in einer Reha-Einrichtung weiter von seiner Erkrankung erholen wird. „Wenn man so lange wie ich zwischen Leben und Tod schwebt, dann ordnen sich die Prioritäten im Leben ein Stück neu. Ich bin für jedes Stück mehr Freiheit und Selbstständigkeit dankbar. Gleichzeitig habe ich aber überhaupt kein Verständnis für diejenigen, die Corona verharmlosen“, sagt Harald Möhring.
 
Aktuell sind es besonders viele Covid-Patientinnen und -Patienten, die von Thorsten Kunst und seinem Team von der Beatmung entwöhnt werden. Es gibt aber auch sehr viele andere Krankheiten, in deren Verlauf lange Beatmungsphasen und ein anschließendes Weaning notwendig sind. Dazu gehören zum Beispiel größere Herz-Operationen, Blutvergiftungen, Infektionskrankheiten oder ehemalige Koma-Patientinnen und -Patienten. „Weaning ist medizinisch wie pflegerisch ein herausfordernder Prozess. Es ist aber auch schön zu sehen, wenn Patientinnen oder Patienten sich Stück für Stück ins Leben zurückkämpfen und das fängt mit der eigenen Atmung an“, sagt Klinikdirektor Thorsten Kunst.