04.06.2019

Herzblut

Ulrike Wegner erlebt den zweiten Neubau der Notaufnahme

Ulrike Wegner ist seit 35 Jahren der ruhende Pol in der Notaufnahme am Krankenhausstandort Lübbecke. Derzeit wir die Notaufnahme auf 1.000 Quadratmeter umgebaut und vergrößert. Ulrike Wegner erlebt damit die zweite komplette Neugestaltung der Notaufnahme in Lübbecke.


Seit 40 Jahren arbeitet Ulrike Wegner als Krankenpflegerin – davon fast 35 Jahre in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) am Krankenhaus Lübbecke. Was sie in dieser Zeit alles erlebt hat, darüber könnte sie ein Buch schreiben, sagt sie. Einen Titel dafür hätte sie schon: „Wenn ich ein Buch schreiben würde, wäre die Überschrift ‚Herzblut‘. Das passt.“ Warum? „Weil ich mit Herz dabei bin. Aber auch, weil einem manchmal immer noch das Herz blutet, wenn man es mit schweren Krankheiten oder dem Tod zu tun hat.“

Anspruchsvoll sei die Arbeit in der Notaufnahme. Nicht nur fachlich. „Man muss schnell umschalten können, gerade nach schweren Fällen. Jeder Patient ist anders. Jeder verdient es, mit seinen Schmerzen und seiner Angst ernst genommen und bestmöglich versorgt zu werden. Man muss sich immer wieder auf ganz unterschiedliche Menschen einlassen. Aber genau das macht mir Spaß.“ Dabei war es eher Zufall, dass sich die Lübbeckerin vor mehr als 40 Jahren für ihren Beruf entschied. „Eigentlich wollte ich Erzieherin werden. Aber in der Schule war damals kein Platz frei.“ Deshalb folgte sie dem Rat ihres Vaters Heinrich Schlottmann, seinerzeit Verwaltungsleiter der Krankenhäuser Lübbecke und Rahden: „Werde doch Krankenschwester.“

1979 legte sie in Lübbecke ihr Examen ab. Nach wenigen Monaten auf der Intensivstation im alten Krankenhaus an der Wittekindstraße entschloss sie sich, noch eine zweijährige Zusatzausbildung in Bad Oeynhausen zu absolvieren. Als „Fachkrankenschwester Intensiv/Anästhesie“ kehrte sie danach wieder nach Lübbecke zurück.

Dann kam das Jahr 1985: Das Krankenhaus zog von der Wittekindstraße an die Virchowstraße um. „Das war eine Sensation“, erinnert sich Ulrike Wegner. „Mit Krankenwagen, Taxen und Rot-Kreuz-Fahrzeugen wurden die Patienten von einem Standort zum anderen gebracht. Im Schnee!“ Mit dem Umzug kam eine entscheidende Veränderung: Im neuen Krankenhaus wurde eine „Zentrale Notaufnahme“ eingerichtet, in der Ulrike Wegner von nun an tätig war. Am alten Standort hatte es so etwas noch nicht gegeben. „Der erste Patient bekam damals von uns eine Rose geschenkt, weil wir uns so über die neue Abteilung gefreut haben.“

Vieles habe sich seither verändert, was die Organisation und die Aufgaben der ZNA angeht. „Zum Beispiel war es anfangs noch üblich, dass Blutspender bei Notfällen direkt in die Notaufnahme bestellt wurden. Dort wurde ihnen dann vor Ort das Blut abgenommen, ins Labor geschickt und von dort an den Patienten weitergegeben.“ Hilfreich war, dass fast alle Polizisten in die Spenderkartei eingetragen waren, die rund 100 Namen umfasste: „Die waren nämlich meist schnell zur Stelle.“

Bevor das Notarztsystem eingeführt wurde, habe sie auch dreimal als Krankenschwester einen Notfalleinsatz begleiten dürfen. Bei einem Einsatz seien sie zu einem Kutschen-Unfall auf dem Reineberg mit mehreren Kindern gerufen worden. „Da haben wir uns unterwegs schon überlegt, wie wir das am besten machen, aber an der Unfallstelle war dann doch alles ganz anders. Zum Glück waren die Kinder mit dem Schrecken und ein paar Beulen davongekommen.“

„Die Arbeit in der Notaufnahme ist stressig, aber ich empfinde es als positiven Stress. Ich habe die nötige Erfahrung und ich habe mich immer weiter gebildet. Ich weiß, was im Notfall zu tun ist“, sagt sie. Der Leistungskatalog, den die Fachkrankenpflegerin zu erbringen hat, ist umfangreich. Er reicht von der Grundversorgung der Patienten  (Braunülen legen, EKGs schreiben, Vitalzeichen messen) übers Röntgen und Gipsen bis zum „Triagieren“ – der Einschätzung, wie bedrohlich die Erkrankung eines Patienten ist. Mit ihren 60 Jahren ist Ulrike Wegner eine Ausnahmeerscheinung in ihrem Beruf: „Die Notaufnahme ist eine junge Station. Wenn ich in meinem Alter da jetzt erst anfangen sollte – das ginge nicht. Aber ich bin da hineingewachsen.“

Derzeit wird die ZNA bei laufendem Betrieb umgebaut, in mehreren Schritten, auf einer Fläche von 1.000 Quadratmetern. 2021 soll alles fertig sein. Das ist noch einmal eine ganz andere Größenordnung als die beiden kleineren Umbauten, die Ulrike Wegner bereits miterlebt hat. Aber schon jetzt freut sie sich darauf, in dieser größeren, moderneren und flexibleren Notaufnahme tätig zu sein.

Eines fasziniert Ulrike Wegner jeden Tag aufs Neue: das Arbeiten in einem eingespielten Team. Wenn zum Beispiel nach einem Verkehrsunfall ein Notruf eingeht und Anästhesisten, Chirurgen, Notaufnahme-Pflegekräfte, Arzthelferinnen und Röntgenabteilung zusammengerufen werden und sich im Schockraum bereit machen: „Jeder hat seine Aufgabe und alles greift ineinander. Alle bilden eine Einheit, mit einem gemeinsamen Ziel: das Leben des Patienten retten. Wenn das gelingt, dann ist es das schönste Gefühl auf Erden. Es ist immer wieder toll, ein Teil davon zu sein. Deswegen gehe ich jeden Tag gerne zu Arbeit – auch nach 40 Jahren.“

Infokasten Zentrale Notaufnahme:

In der Zentralen Notaufnahme am Krankenhausstandort Lübbecke werden Notfallpatienten rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr von einem spezialisierten, fachübergreifenden Team aus Ärzten, Pflegekräften und Medizinischen Fachangestellten behandelt. Im Jahr 2018 suchten 24.000 Patienten die Notaufnahme auf.

Die ZNA ist die Anlaufstelle zur Akutversorgung von Patienten, unabhängig davon, ob sie sich selbst auf den Weg in das Krankenhaus machen, mit einer Einweisung des Hausarztes kommen oder durch den Rettungsdienst in die Klinik gebracht werden.

Die Reihenfolge der Behandlung richtet sich nach der Schwere der Krankheit. Schwer bis lebensbedrohlich Erkrankte oder Verletzte haben absoluten Vorrang. Um die Dringlichkeit zur Behandlung in der Notaufnahme ermitteln zu können, führen die Pflegekräfte eine spezielle Ersteinschätzung (sog. „Triage“) durch.