Vom Rollator zur Marathon-Läuferin

Welt-Adipositas-Tag: Selbsthilfegruppe organisiert am 4. März eine Info-Veranstaltung in Lübbecke

Uta Heitmann (links) und Andrea Hillmann engagieren sich seit Jahren in der Selbsthilfegruppe Adipositas Lübbecke. In diesem Jahr organisiert die Selbsthilfegruppe anlässlich des Welt-Adipositas-Tages am 4. März eine Informationsveranstaltung in Lübbecke.

Seit ihrer Kindheit kämpfen Andrea Hillmann und Uta Heitmann mit ihrem Gewicht. Schon als junge Mädchen beginnen sie mit den ersten Diäten, versuchen sich runterzuhungern. Sie kämpfen gegen Vorurteile, stille Schuldzuweisungen und Ausgrenzung. „Immer hieß es, ich sei die Dicke“, erinnert sich Andrea Hillmann. Erst im Erwachsenenalter erfahren die beiden Frauen, dass sie chronisch krank sind. Sie haben Adipositas.  

Andrea Hillmann hat einen langen Leidensweg hinter sich. Jahrzehnte mit Übergewicht hinterlassen Spuren. Mit der Zeit kamen immer mehr Beschwerden hinzu. Zig Allergien und Bluthochdruck sind nur einige davon. Irgendwann ist die Rahdenerin auf einen Rollator angewiesen, kann sich nicht mehr ohne das Hilfsmittel bewegen. „Mir ging es einfach richtig schlecht“, erinnert sich Andrea Hillmann. Ihr Höchstgewicht lag bei 163 Kilogramm. Sie schafft es aus eigener Kraft fast 60 Kilo abzunehmen, nimmt dann aber wieder zwischenzeitlich zu.

Am Ende entscheidet sich die heute 56-Jährige für eine Magenbypass-OP. Ihre Rettung, wie sie sagt. Heute wiegt die Mutter und Großmutter 63 Kilogramm. Sie hat ihr Gewicht mehr als halbiert. 

Doch nicht nur äußerlich ist sie kaum wiederzuerkennen. Ihr gesamtes Leben hat sich tiefgreifend verändert. Aktuell trainiert Andrea Hillmann für einen Halbmarathon. „Hätte mir das jemand früher erzählt, hätte ich laut gelacht.“

Vom Rollator zur Marathon-Läuferin: „Mein Kopf hat das aber noch gar nicht begriffen, ich finde mich immer noch mollig, und so geht es vielen anderen Betroffenen auch“, erzählt Andrea Hillmann. Seit 2025 leitet sie die Selbsthilfegruppe Adipositas Lübbecke, und möchte mit ihrer Arbeit einen Raum schaffen, in dem sich Betroffene akzeptiert fühlen. Sie hat selbst erlebt, wie es ist, gemobbt und ausgegrenzt zu werden. Und dass nur wegen des Aussehens. „Einkaufen fand ich ganz schlimm, gefühlt schauen alle in den Einkaufswagen rein und denken sich wieder ihren Teil“, schildert die Leiterin der Selbsthilfegruppe.

Wie sich diese Blicke anfühlen, weiß Uta Heitmann ganz genau. Zwei Frauen, die das gleiche Schicksal teilen. Die Stemwederin wog vor vier Jahren noch 152 Kilo. „Mit jeder Diät nahm ich etwas ab, und dann das Doppelte wieder zu“, schildert die heute 60-Jährige.

Weltweit und auch in Deutschland steigt die Zahl der Menschen mit Übergewicht und starkem Übergewicht (Adipositas) an. Unter Adipositas versteht man ein zu hohes Körpergewicht, das durch zu viel Körperfett verursacht wird. Die Erkrankung wird auch Fettleibigkeit genannt. Der hohe Fettanteil entsteht, wenn dem Körper – etwa durch eine kalorienreiche Ernährung – mehr Energie zugeführt wird, als er verbrauchen kann. Diese überschüssige Energie lagert sich als Fett im Körper ab.

Ob Adipositas vorliegt, lässt sich anhand des Körpermasseindex oder Body-Mass-Index (BMI) feststellen. Dieser zeigt an, ob Gewicht und Körpergröße in einem gesunden Verhältnis zueinanderstehen. Ab einem BMI-Wert von 30 spricht man von Adipositas.

Allein in Deutschland sind Studien zufolge mehr als 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen übergewichtig oder an Adipositas erkrankt. Mit zunehmendem Alter nimmt die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas zu.

„Wir behandeln immer mehr Patientinnen und Patienten im Adipositaszentrum. Die einzige effektive und potentiell dauerhaft erfolgreiche Behandlung bei fortgeschrittenen Krankheitsdimensionen der Adipositas stellen derzeit die Operationen dar“, erläutert Oliver Fuckert, Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie und Proktologie und Leiter des Adipositaszentrums Ostwestfalen im Krankenhaus Lübbecke.

Mit einem erfolgreichen Eingriff können neben einem meist ausgeprägten Gewichtsverlust die meisten Folgekrankheiten günstig beeinflusst, einige sogar eventuell dauerhaft beseitigt oder verhindert werden. „Operationen sind erst dann Bestandteil des multimodalen Behandlungskonzeptes, wenn die alleinige konservative Therapie zu keinem dauerhaften Erfolg geführt hat oder nicht Erfolg versprechend ist“, erklärt der Leiter des Adipositaszentrums.

2022 entscheidet sich Uta Heitmann nach langem Überlegen für einen operativen Eingriff im Krankenhaus Lübbecke. „Da hat es bei mir Klick gemacht und ich war bereit für die OP. Ich hatte vorher einfach Angst, habe mich nicht getraut diesen Schritt zu gehen“, erzählt die Stemwederin. Nach der Operation verliert sie über 50 Kilogramm. Ihr Gewicht hält sie bis heute.

„Bei der Patientin wurde ein Magenbypass Omega-Loop Eingriff durchgeführt. Bei dieser Technik wird neben der schlauchartigen Bildung eines Vormagens ein circa 150 bis 200 Zentimeter langer Dünndarmanteil aus der Nahrungspassage ausgeschaltet. Diese Kombination aus Schlauchmagen und Bypass zeigt neben sehr guten Langzeitergebnissen insbesondere auch eine deutliche Verbesserung vorliegender Begleiterkrankungen“, erläutert Klinikdirektor Oliver Fuckert.

 

Der operative Eingriff ist aber nur ein Baustein der Therapie. „Man muss ein Leben lang am Ball bleiben. Sport, Ernährung – all das gehört auch dazu“, betonen Uta Heitmann und Andrea Hillmann. Für die beiden Frauen aus Stemwede und Rahden hat sich ihr Leben seit der Operation komplett verändert. „Man nimmt nicht nur ab, alles ist plötzlich anders. Ich habe keinerlei Beschwerden mehr. Deshalb spreche ich immer von einem Leben 2.0“, sagt Andrea Hillmann.

Das schönste Gefühl sei für sie, dass sie nun mit ihren Enkeln im Garten spielen kann.

Der Weg dahin war nicht einfach. Die beiden Frauen mussten viele Rückschlage erleiden. Der eigene innere Kampf ist das eine, das andere sind die äußeren Einflüsse, die ständig auf einen einprasseln. Ständig wird der eigene Körper bewertet. Ein Leben mit Vorurteilen – das kennen alle Betroffenen. Umso wertvoller ist für sie der Austausch untereinander. „In der Selbsthilfegruppe habe ich zum ersten Mal erfahren, wie es ist, wenn man so angenommen wird, wie man ist. Ohne Vorurteile“, betont Uta Heitmann.

Die Stemwederin ist seit mehreren Jahren in der Selbsthilfegruppe Adipositas Lübbecke aktiv.

Anlässlich des Welt-Adipositas-Tages, der am 4. März stattfindet, organisiert die Selbsthilfegruppe eine Informationsveranstaltung in Lübbecke. Von 15 bis 19 Uhr wartet ein interessantes Programm auf Interessierte und Betroffene. Es wird eine Modenschau geben, die Selbsthilfegruppe stellt sich und ihre Arbeit vor, Erfahrungsberichte von Betroffenen werden geteilt und es gibt Fachvorträge. Auch der Leiter des Adipositaszentrums Ostwestfalen im Krankenhaus Lübbecke, Oliver Fuckert, wird einen Vortrag halten. Die Veranstaltung findet in der Bahnhofstraße 29a in Lübbecke statt.

„Wir würden uns wirklich freuen, wenn ganz viele Menschen den Weg zu uns finden. Vor allem die Erfahrungsberichte anderer sollen Mut schenken, zeigen, dass es immer einen Weg gibt. Wir bieten auch ganz viel Unterstützung auf diesem Weg an“, sagt Andrea Hillmann, Leiterin der Selbsthilfegruppe.

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