Elektrophysiologie

Nerven und Muskelzellen reagieren auf elektrische Impulse und nutzen diese zum Informationsaustausch untereinander. In der Elektrophysiologie nutzen wir dieses Wechselwirkung für die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen.

Elektroenzephalografie (EEG)
Die Elektroenzephalografie ist ein Verfahren, bei dem die spontane elektrische Aktivität des Gehirns gemessen und aufgezeichnet wird. Durch das Anbringen von befeuchteten Metallplättchen (Elektroden) an bestimmten Stellen der Kopfhaut kann man die Hirnströme ableiten. Anschließend werden die Signale verstärkt und aufgezeichnet. Die Signale sehen unterschiedlich aus, je nachdem in welchem Zustand sich der Patient gerade befindet (Schlaf-, Wach-, Traumphase usw.).

Diese Methode erlaubt diagnostische Rückschlüsse vor allem bei Krampfanfällen, Zuständen mit unklarer plötzlicher Bewusstlosigkeit, aber auch bei Tumoren, traumatischen Schäden und bei entzündlichen oder degenerativen (z.B. Demenz) Veränderungen im Gehirn. Diese Untersuchung ist vollkommen schmerzfrei, sie wird bei allen stationären z.T. auch ambulanten Patienten im Rahmen der psychiatrischen Basisdiagnostik durchgeführt Die EEG-Ableitung erfolgt in "entspannter Wachheit" bei geschlossenen Augen und dauert etwa 20 Minuten. Um die Aussagekraft der Untersuchung zu erhöhen, erfolgt gegen Ende der Ableitung eine EEG-Aufzeichnung unter Hyperventilation (Mehratmung). Hierbei können bestimmte abnorme EEG-Veränderungen, z.B. bei Epilepsien deutlicher in Erscheinung treten Weitere "Provokationsmethoden" sind der Schlafentzug und die Fotostimulation, die bei besonderen Fragestellungen eingesetzt werden.

Repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS)
Die transkranielle Magnetstimulation (rTMS) ist eine nichtinvasive, neurophysiologische Methode, mit der kortikale Neuronen (= Nervenzellen) durch ein zeitlich veränderlichen Magnetfeld nach dem physikalischen Prinzip der Induktion in ihrer elektrischen Aktivität beeinflusst werden können. Die TMS wurde erstmals 1985 von Anthony Barker zur Stimulation des motorischen Kortex angewandt. Die Anwendung rasch und regelmäßig aufeinanderfolgender Einzelstimuli wird als repetitive TMS (rTMS) bezeichnet. Die Impulsfrequenz beträgt hierbei zwischen <1 Hz und 50 Hz.

Anfang der 90er Jahre führten verschiedene Arbeitsgruppen, u.a. eine Gruppe der Bonner Universitätsklinik, gleichzeitig und unabhängig voneinander erste Untersuchungen zur Wirksamkeit der rTMS bei depressiven Störungen durch.

Eine umfangreiche Studie mit 70 Patienten mit nicht-therapierefraktärer Major Depression, die über zwei Wochen entweder eine niederfrequente Verum-rTMS oder eine Scheinbehandlung erhielten, zeigte einen deutlichen Plazebo-Verum-Unterschied mit einer durchschnittlichen Abnahme des Hamilton-Depressions-Scores um 50%. Über die Anwendung der rTMS bei Patienten mit Major Depression hinaus wurden auch Kasuistiken zur Behandlung von Patienten mit bipolaren affektiven Störungen, zur Behandlung

Elektrokrampftherapie (EKT)
Die Elektrokrampftherapie (EKT) beruht darauf, dass in Narkose und unter Muskelentspannung durch eine kurze elektrische Reizung des Gehirns ein Krampfanfall ausgelöst wird. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht geklärt. Nach heutigem Kenntnisstand ist die Wirkung auf neurochemische Veränderungen verschiedener Botenstoffe im Gehirn zurückzuführen.

Die Indikation für die EKT stützt sich auf zahlreiche Wirksamkeitsnachweise. Für die Auswahl der Patienten sind maßgeblich: die Diagnose, die Schwere der Symptome, die Behandlungsvorgeschichte sowie die Abwägung zwischen Nutzen und Risiken unter Berücksichtigung anderer Behandlungsoptionen. Am häufigsten wird die EKT eingesetzt, nachdem Behandlungen mit Psychopharmaka keinen Erfolg gebracht haben.



Die EKT ist grundsätzlich dann angebracht (indiziert), wenn

  • eine Notwendigkeit für eine schnelle, definitive Verbesserung aufgrund der Schwere der psychiatrischen Erkrankung besteht,
  • die Risiken der EKT geringer sind als die anderer Behandlungen,
  • aus der Vorgeschichte ein schlechtes Ansprechen auf Psychopharmaka (Therapieresistenz) oder ein gutes Ansprechen auf EKT bei früheren Erkrankungsepisoden bekannt ist,
  • Unverträglichkeit oder erhebliche Nebenwirkungen der Pharmakotherapie aufgetreten sind.

Bei folgenden psychiatrischen Erkrankungen ist die EKT die Therapie der ersten Wahl:

  • wahnhafte Depression, depressiver Stupor, schizoaffektive Psychose mit schwerer depressiver Verstimmung,
  • Depression mit starker Suizidalität oder Nahrungsverweigerung,
  • akute, lebensbedrohliche (perniziöse) Katatonie.

Als Therapie der zweiten Wahl ist die EKT möglich bei:  

  • therapieresistenter Depression, somit nach Anwendung von mindestens zwei verschiedenen Antidepressiva möglichst unterschiedlicher Wirkstoffklassen in ausreichender Dosierung und zusätzlichem therapeutischem Schlafentzug, therapieresistenten, nicht lebensbedrohlichen Katatonien und anderen akut exazerbierten schizophrenen Psychosen nach erfolgloser Neuroleptika-Behandlung,
  • therapieresistenten Manien nach erfolgloser Behandlung mit Neuroleptika, Lithium oder Carbamazepin etc.

Seltenere Indikationen können therapieresistente schizophreniforme Störungen, therapieresistente schizoaffektive Störungen, therapieresistente Parkinson-Syndrome und das maligne neuroleptische Syndrom sein.
Die nach dem heutigen Standard durchgeführte EKT ist ein sicheres Behandlungsverfahren. Die Risiken der Behandlung sind im Wesentlichen die Risiken der Narkose.

Hirnschädigungen sind nach sachgerecht durchgeführter EKT nicht nachgewiesen. Diskrete Störung der Orientierung, des Kurzzeitgedächtnisses und der Aufmerksamkeit unmittelbar nach der Behandlung können als vorübergehende Nebenwirkung auftreten. Während sich die anterograden Gedächtnisstörungen in der Regel rasch (in der Regel nach Stunden bis zu wenigen Tagen, spätestens 4 Wochen) zurückbilden, können die retrograden Amnesien in seltenen Fällen länger bestehen bleiben. Unmittelbar nach der EKT auftretende weitere Beeinträchtigungen wie Wortfindungsstörungen sind vorübergehend und bedürfen keiner spezifischen Behandlung.

Kopfschmerzen in Form von Spannungskopfschmerzen treten bei etwa 30 % der Patienten nach EKT auf und können im Bedarfsfall mit Schmerzmitteln behandelt werden. In seltenen Fällen können auch Migräneanfälle durch EKT ausgelöst werden. Übelkeit und Erbrechen nach EKT kommen selten vor.