„Mein Traum wird wahr“

20 angehende Hebammen starten ins praxisintegrierte Studium

Lale Tabel tastet den Bauch einer werdenden Mutter ab.

Sie werden die ersten Hebammen sein, die nach dreieinhalb Jahren praxisintegriertem Studium einen Bachelorabschluss in Hebammenwissenschaft in der Tasche haben. Insgesamt 20 junge Frauen starteten zum Wintersemester 2021/2022 im Studiengang Angewandte Hebammenwissenschaft, der erstmals in Kooperation des Praxiszentrums für angewandte Hebammenwissenschaft (PZHW) der Akademie für Gesundheitsberufe und der Fachhochschule Bielefeld angeboten wird. Auf sie alle wartet ein Mix aus theoretischem Studium und praktischen Einsätzen in den Häusern der Mühlenkreiskliniken (MKK) sowie bei freiberuflichen Hebammen. Dabei lernen sie, Frauen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu begleiten sowie Schwangere, Neugeborene, Mütter und deren Familien gleichermaßen zu versorgen.

Zwei der Studierenden der ersten Stunde sind Lale Tabel und Nathalie Schneider. Beide sind überglücklich, einen Studienplatz in Minden ergattert zu haben. Wenn sie über ihren künftigen Beruf und die ersten Erfahrungen aus Studium und Klinik sprechen, ist ihnen die Begeisterung ins Gesicht geschrieben. „Es stand schon lange fest, dass ich Hebamme werden will. Für mich ist es ein Lebenstraum, der nun in Erfüllung geht“, sagt Lale Tabel. Für das Studium ist sie aus Schleswig-Holstein ins über 300 Kilometer entfernte Minden gezogen. Eine Entscheidung, die sofort nach der Zusage feststand. Auch für Nathalie Schneider war es das erste und letzte Bewerbungsgespräch. „Es ist ein so erfüllender und vielseitiger Beruf und einfach das tollste Gefühl, zu helfen, ein Kind auf die Welt zu bringen“, sagt die 20-Jährige aus Rödinghausen.

Start zum Wintersemester 2021/2022

Der erste Abschnitt des neuen Studiengangs startete im September vergangenen Jahres mit der Begrüßung aller Studierenden am Bielefelder Campus. Nach einem Einblick in die Uni wurden die ersten Vorlesungen gehalten, die coronabedingt größtenteils per Videoschalte stattfanden. „Zu den Studieninhalten gehören Anatomie, Psychologie, Recht, Hygiene, Mikrobiologie, Schwangerschaft und Wochenbett“, sagt Nathalie Schneider. Etwa ein Drittel der Lehrinhalte wird in Präsenz- oder Online-Vorlesungen unterrichtet, zwei Drittel sind im Selbststudium zu erarbeiten.

Ende November wurden die Inhalte in einer ersten großen Prüfung abgefragt. Im Anschluss wechselten die Studierenden in das sogenannte Skills-Lab der Bielefelder Fachhochschule. In Simulationsräumen wurden hier die theoretischen Grundlagen an Modellen oder Puppen geprobt. „Es werden zum Beispiel verschiedene Handgriffe geübt, wie Vitalzeichen richtig gemessen werden oder wie ein CTG zum Wehenschreiben angelegt wird. Außerdem schlüpfen wir bei Rollenspielen in verschiedene Rollen, um etwa die Geburt aus unterschiedlichen Perspektiven durchzuspielen“, erzählt Lale Tabel. Im Anschluss gibt es dann von den Kommilitoninnen Feedback, was gut lief und was gegebenenfalls noch verbessert werden kann. Ziel ist es, das theoretisch Gelernte vor dem ersten praktischen Einsatz in den Kliniken zu üben und zu festigen.

Start in die Praxisphase

Seit Anfang Januar 2022 sind alle angehenden Hebammen in den Häusern der Mühlenkreiskliniken in der ersten großen Praxisphase, Lale Tabel im Mindener Kreißsaal, Nathalie Schneider auf der dortigen Wochenbettstation. „Gleich an meinem ersten Tag im Kreißsaal habe ich eine Geburt begleitet“, berichtet Lale Tabel freudestrahlend. „Es hat etwas Magisches, wenn man in dem Moment dabei ist, wenn ein Mensch geboren wird“, sagt die 21-Jährige. Eine Erfahrung, die Nathalie Schneider nickend bestätigt: „Eine Hebamme nimmt einen sehr wichtigen Stellenwert im Leben von Eltern ein.“ Zu Beginn der Praxisphase begleiten die Studierenden die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, schauen ihnen über die Schulter und werden bei den ersten Aufgaben angeleitet. Nach und nach werden dann Aufgaben eigenständig übernommen. „Bei vielem, das ich theoretisch gelernt und viele Male in den Skills-Labs geübt habe, hat es bei der Anwendung in der Praxis plötzlich ‚Klick‘ gemacht. Ein Beispiel ist der Leopoldhandgriff, bei dem ertastet wird, wo sich Kopf und Rücken des Babys im Bauch der Mutter befinden. Wir haben ihn vielfach geübt. In der Praxis fügt sich dann alles zusammen und ergibt Sinn, wenn man plötzlich den Kopf des Babys spürt. Wobei wiederum jede Untersuchung besonders ist, da jede Mutter, jedes Baby und jeder Bauch anders ist“, sagt Lale Tabel.

Während sie zurzeit Schwangere bei der Geburt begleitet, betreut Nathalie Schneider in ihrer ersten Praxisphase Mütter und ihre neugeborenen Babys. „Morgens ist Wochenbettvisite. Dabei schaue ich zum Beispiel nach den Neugeborenen, messe die Vitalzeichen wie den Blutdruck oder den Blutzuckerspiegel und taste die Brust und den Bauch der Mutter ab“, berichtet sie. Letzteres werde gemacht, um zu schauen, ob sich die Gebärmutter nach der Geburt zurückbilde. „Bei der physiologischen Rückbildung prüfen wir, ob sich die Gebärmutter auf die ursprüngliche Größe zurückzieht und die geraden Bauchmuskeln, die sich während der Schwangerschaft verschoben haben, an ihre ursprüngliche Position zurückwandern“, erklärt sie. Ebenso ist sie bei den U2-Untersuchungen der Neugeborenen dabei und schaut auch den Ärztinnen und Ärzten über die Schulter. Nach den ersten Wochen im Klinikbetrieb mit Früh-, Tag- und Nachtschicht haben beide viel erlebt. Die Anwendung von Studieninhalten sowie die ersten praktischen Erfahrungen standen dabei im Vordergrund und werden in künftigen Praxiseinsätzen weiter vertieft. Während der insgesamt dreieinhalb Jahre lernen die Studierenden alle Bereiche der MKK-Geburtskliniken in Minden, Lübbecke und Bad Oeynhausen kennen. Darüber hinaus gehört ein mehrwöchiger Einsatz in einer freiberuflichen Hebammenpraxis oder in einem Geburtshaus zum Studium, der in einer Praxis der Wahl absolviert werden kann.

Planung des Studiengangs

Vor dem Start des Hebammenstudiums stand eine aufwendige Planungs- und Konzeptionsphase, die einiges von den Beteiligten forderte, berichtet Meike Meier, die als Leitung des PZHW erste Ansprechpartnerin rund um das Studium ist. „Lange stand nicht fest, ob das Studium in Minden angeboten werden kann“, sagt Meier. Nachdem 2020 entschieden wurde, die Hebammenausbildung ab 2021 zu akademisieren, musste zunächst geklärt werden, wo in Nordrhein-Westfalen die neu zu schaffenden Studienstandorte angesiedelt werden. Es hatten zwar zahlreiche Fachhochschulen und Universitäten Interesse am neuen Studiengang signalisiert, das Wissenschaftsministerium des Landes hatte sich jedoch lang bedeckt gehalten, welche Hochschulen den Zuschlag erhalten würden.

Zu den Studiengangbewerbern gehörten auch die Akademie für Gesundheitsberufe, die Fachhochschule Bielefeld, die Katholische Hochschule NRW und die Hebammenschule Paderborn. Sie hatten sich zusammengetan und einen gemeinsamen Plan vorgelegt, um das Hebammenstudium in Ostwestfalen-Lippe anbieten zu können. Nach langer Ungewissheit genehmigte das Ministerium für die Region Ostwestfalen-Lippe am Ende jährlich 45 Studienplätze, von denen 20 nach Minden gingen. „Das war etwa ein Jahr vor Beginn des Studiums“, sagt Meike Meier. „Die Freude über die Zusage war groß, aber nun galt es, komplett neue Strukturen und Prozesse aufzubauen. Auf gut Glück hatten wir bereits vorgearbeitet und erste Überlegungen zusammengetragen. Das kam uns nun zugute.“ Angelehnt an die vorgegebene Prüfungsordnung mussten mit dem Wechsel zum Studienmodell verschiedene Rahmenbedingungen neu geschaffen werden. Während die Fachhochschule Bielefeld den theoretischen Teil des Studiums abdeckte, übernahm das PZHW die Organisation des praktischen Studiums und die Planung der gesetzlich geforderten Praxisanleitung durch erfahrene Hebammen. Die Planung der Praxiseinsätze in den Häusern der Mühlenkreiskliniken lag wiederum in den Händen von Meike Meier. „Die Praxismodule bauen auf den Inhalten der Theorie auf. Wir mussten also klären, wie wir das Theoretische praktisch integrieren können“, erläutert Meier. Gemeinsam mit Oliver Neuhaus, dem Direktor der Akademie für Gesundheitsberufe, wurde ein Konzept erarbeitet, das die Einsätze in den Geburtskliniken und Abteilungen der Mühlenkreiskliniken regelt. Am Ende des Prozesses stand der akkreditierte praxisintegrierte Studiengang Angewandte Hebammenwissenschaft mit einer ersten Bewerbungsphase von Januar bis Februar 2021.

„Wir haben viele Bewerbungen erhalten und tolle Gespräche geführt“, sagt Meike Meier rückblickend. Auch Lale Tabel und Nathalie Schneider erinnern sich noch gut daran. Beide hatten sich im Vorfeld auf Berufsmessen und im Internet über ihre Möglichkeiten informiert. „Nachdem ich das neue Studienangebot entdeckt hatte, habe ich mich sofort beworben. Das spätere etwa 35-minütige Vorstellungsgespräch ist sehr gut gelaufen. Ich war sofort begeistert von der herzlichen Art des Teams“, sagt Lale Tabel über das Kennenlernen, welches aufgrund der großen Entfernung zu ihrem Wohnort als Videokonferenz stattgefunden hat. Als dann innerhalb von zwei Wochen die Zusage gekommen sei, habe für sie sofort festgestanden: „Mein Traum wird wahr.“

 

Infos zum Studium 

Nach einer spannenden Planungs- und Konzeptionsphase ist der neue Studiengang erfolgreich gestartet. Künftig wird er jedes Jahr angeboten. Die nächste Bewerbungsphase für den Studienstart im September 2023 beginnt im Januar. Dann können sich Interessierte für einen der insgesamt 20 Studienplätze bewerben. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.muehlenkreiskliniken.de/karriere

Studiengang: Angewandte Hebammenwissenschaft
Studienmodell: Praxisintegrierter Studiengang
Abschluss: Bachelor of Science, plus staatliche Prüfung zum Führen der Berufsbezeichnung Hebamme bzw. Entbindungspfleger

Studienbeginn: Jeweils zum Wintersemester
Studiendauer: 7 Semester
Studienorte: Bielefeld, Minden, Lübbecke und Bad Oeynhausen

Zugangsvoraussetzungen: Abitur bzw. Fachhochschulreife oder eine als gleichwertig anerkannte Vorbildung

Bewerbungszeitraum: Jedes Jahr Anfang Januar bis Ende Februar

Vergütung: Die Studierenden erhalten eine Vergütung in Anlehnung an den TVHöD und haben Anspruch auf Erholungsurlaub. Die aktuelle monatliche Vergütung beträgt 1.515 Euro (Stand Mai 2022). 

 

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