Über Prostatakrebs sprechen? Für viele Männer noch immer ein heikles Thema. Über Ängste, Inkontinenz oder die eigene Sexualität erst recht. Doch Schweigen kann isolieren – und zusätzlich belasten. Dabei ist Prostatakrebs kein Randthema, sondern die häufigste Krebserkrankung bei Männern weltweit. Allein in Deutschland wird jeder achte Mann im Laufe seines Lebens mit der Diagnose konfrontiert.
Wer die Diagnose erhält, steht vor medizinischen Entscheidungen. Und vor einer emotionalen Ausnahmesituation. Genau an diesem Punkt beginnt die Arbeit der Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Minden.
„Als ich die Diagnose bekam, war ich 64 Jahre alt. Plötzlich drehte sich alles nur noch um Befunde, Werte und Therapievorschläge. Ich hatte gute Ärzte an meiner Seite, aber ich hatte trotzdem Angst und viele Fragen“, erinnert sich Uwe Koschel, Leiter der Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Minden.
Was bedeutet der PSA-Wert konkret? Muss ich sofort operiert werden? Ist Abwarten eine Option? Welche Folgen hat die Therapie für meine Lebensqualität? Das sind nur einige Fragen, mit denen sich Betroffene beschäftigen, und die ihnen Sorgen bereiten.
Prostatakrebs ist die bei Männern in Deutschland am häufigsten diagnostizierte Krebserkrankung und macht einen bedeutenden Teil aller Krebsneuerkrankungen aus. Jährlich erkranken hierzulande rund 75.000 Männer neu an Prostatakrebs. Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter deutlich an, insbesondere ab dem 60. Lebensjahr.
„Das Heimtückische: in frühen Stadien verursacht die Erkrankung meist keinerlei Beschwerden. Deshalb ist Vorsorge so entscheidend – je früher der Krebs erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen“, erläutert Dr. Alexander Ottenhof, stellvertretender Direktor der Klinik für Urologie, Kinderurologie und Operative Uro-Onkologie am Universitätsklinikum Minden.
Die medizinischen Möglichkeiten sind heute vielfältig – und genau das kann die Betroffenen auch verunsichern. Zwischen aktiver Überwachung, Operation, Strahlentherapie oder medikamentöser Behandlung den passenden Weg zu finden, erfordert Information und Vertrauen. Hier wird die Selbsthilfegruppe zu einem entscheidenden Anker.
Die Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Minden besteht seit Juni 2023. Sie ist ein Ort des offenen Austauschs. Für viele Männer ist sie die erste Anlaufstelle nach der Diagnose, manchmal noch bevor eine endgültige Therapieentscheidung gefallen ist.
„In der Gruppe sitzen Männer, die die verschiedenen Wege schon gegangen sind. Man hört aus erster Hand, wie die Erfahrungen mit den unterschiedlichen Behandlungen waren“, erläutert Uwe Koschel.
Diese Erfahrungsberichte ersetzen keine ärztliche Beratung. Aber sie ergänzen sie auf wertvolle Weise. Sie geben Einblick in den Alltag nach einer Therapie, sprechen offen über Nebenwirkungen wie Inkontinenz oder Erektionsstörungen – Themen, die viele Männer ungern ansprechen, die aber für ihre Lebensqualität entscheidend sind.
„Man merkt schnell, ich bin nicht allein. Andere haben diese Phase auch überstanden“, sagt Uwe Koschel.
„Wir erleben täglich, wie existenziell die Diagnose Prostatakrebs für unsere Patienten ist. Die medizinische Versorgung ist heute auf einem sehr hohen Niveau. Aber wir wissen auch: Die beste Therapieentscheidung entsteht im Zusammenspiel aus fachlicher Expertise und gut informierten Patienten“, betont Dr. Alexander Ottenhof.
Im Universitätsklinikum Minden wird das gesamte Spektrum moderner Urologie angeboten – einschließlich der robotisch-assistierten Chirurgie. Dieses minimalinvasive Verfahren ermöglicht eine besonders präzise Entfernung der Prostata. Über kleinste Zugänge werden Instrumente eingeführt, die der Operateur an einer Konsole steuert. Eine hochauflösende, dreidimensionale Sicht unterstützt dabei ein exaktes Arbeiten im sensiblen Beckenbereich.
„Die robotische Chirurgie kann helfen, wichtige Nervenstrukturen zu schonen. Das wirkt sich positiv auf die Kontinenz und Potenz aus. Aspekte, die für unsere Patienten eine enorme Bedeutung haben“, erläutert der Mindener Urologe. Zudem profitieren Patientinnen und Patienten von weniger Blutverlust, geringeren Schmerzen und einer schnelleren Erholung.
Doch moderne Technik ist nur ein Teil der Versorgung. „Die Selbsthilfegruppe ist für uns ein wichtiger Partner. Sie greift Fragen auf, die über das rein Medizinische hinausgehen. Sie stärkt Patienten in einer Phase großer Unsicherheit“, betont der Mindener Urologe.
Regelmäßig stehen Medizinerinnen und Mediziner wie Dr. Alexander Ottenhof, aber auch Psychologinnen und Psychologen und andere Expert*innen der Selbsthilfegruppe für Fachvorträge und Gespräche zu Verfügung. „Diese enge Verzahnung schafft Vertrauen – und ein starkes Netzwerk“, erklärt Uwe Koschel.
Der heute 68-jährige Mindener wurde 2022 von Dr. Ottenhof mit dem DaVinci-System operiert. Zunächst schien auch alles gut gelaufen zu sein, doch der Krebs kam wieder. „Das hat mich natürlich mental stark zurückgeworfen, ich dachte eigentlich, dass nach der OP der ganze Spuk vorbei wäre“ erinnert sich Uwe Koschel.
„Unser Ziel bei einem operativen Eingriff ist immer ganz klar, dass wir versuchen den gesamten Krebs zu beseitigen. Doch das ist leider nicht immer möglich. Außerdem besteht immer die Gefahr eines Rezidivs, also eines Rückfalls“, erklärt Dr. Alexander Ottenhof.
Uwe Koschel musste sich nach der Operation noch Bestrahlungen unterziehen, die dem Mindener helfen. Er ist heute krebsfrei.
Auch Werner Sudeck kennt die Sorgen, die mit einer Krebs-Diagnose einhergehen, sehr gut. Der Lübbecker wurde vor zwei Jahren im Universitätsklinikum Minden von Dr. Alexander Ottenhof operiert. „Der Eingriff mit dem DaVinci ist hervorragend gelaufen, ich hatte kaum Schmerzen im Anschluss. Ich wollte auch unbedingt mit dem OP-Roboter operiert werden“, berichtet der heute 74-Jährige.
Während seines Reha-Aufenthaltes in der Klinik Bad Oexen, wo er viele positive Eindrücke gesammelt hat, wird der Kontakt im Rahmen einer regelmäßig stattfindenden Vorstellungsveranstaltung zur Selbsthilfegruppe Minden hergestellt. Seitdem ist er dort auch Mitglied. „Hier habe ich Gleichgesinnte getroffen, die Ähnliches durchgemacht haben.“
Dass einige Männer Hemmschwellen haben zu den Treffen der Selbsthilfegruppe zu gehen, wissen Koschel und Sudeck. „Wir versuchen diese Hemmschwellen abzubauen – es ist nichts, wofür man sich schämen muss. Im Gegenteil, sich um seine seelische Gesundheit zu kümmern, ist ein Zeichen von Stärke“, betont Uwe Koschel.
Die Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Minden trifft sich in der Regel jeden vierten Mittwoch im Monat ab 18 Uhr in den Räumlichkeiten der PariSozial in der Simeonstraße 19 in Minden. Lebensgefährt*innen können an den Treffen auch teilnehmen.
Informationsveranstaltung
Am 24. Juni 2026 lädt die Klinik für Urologie, Kinderurologie und operative Uro-Onkologie des Universitätsklinikums Minden zu einer Informationsveranstaltung zum Thema Prostatakrebs ein. Im Fokus stehen dabei Aufklärung, Früherkennung und der offene Austausch über moderne Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten. Erfahrene Referentinnen und Referenten werden bei der Veranstaltung Impulsvorträge geben, aktuelle medizinische Erkenntnisse einordnen und außerdem wird es die Möglichkeit zum persönlichen Dialog geben.
Uwe Koschel und die Prostata Selbsthilfegruppe werden an diesem Tag auch über die Arbeit der Selbsthilfegruppe berichten.
Die Informationsveranstaltung zum Thema Prostatakrebs findet ab 17 Uhr im Abraham-Jacobi-Hörsaal des Universitätsklinikums Minden statt und ist kostenfrei.
