27.06.2017

Mindener Schule rettet Leben

Interdisziplinäre Zusammenarbeit am Universitätsklinikum sichert bestmögliche Behandlung von Schlaganfallpatienten

Privat-Dozent Dr. Ulrich Knappe, Direktor der Klinik für Neurochirurgie, Professor Dr. Wolf-Dieter Reinbold, Direktor des Universitätsinstituts für Diagnostische Radiologie, Neuroradiologie und Nuklearmedizin und Professor Dr. Peter Schellinger, Direktor der Universitätsklinik für Neurologie und Neurogeriatrie, finden in der sogenannten Mindener Schule zusammen.

Das Gehirn steuert nahezu alle lebenswichtigen Körperfunktionen, ermöglicht das Denken und emotionales Erleben. Dafür müssen Milliarden von Gehirnzellen ständig mit Sauerstoff versorgt werden. Kommt es zu einer auch nur kurzen Unterbrechung, beispielsweise durch mangelnde Durchblutung oder eine Einblutung, kann dies zu einem Schlaganfall führen, der häufigsten Todesursache deutschlandweit. Rund 15 Prozent aller Schlaganfälle werden jedoch durch eine Hirnblutung verursacht, also durch einen Austritt von Blut in das Hirngewebe. Ein Teil dieser Patienten leidet unter einer Blutung aus einem sogenannten Aneurysma, einer labilen Stelle oder Aussackung in der Gefäßwand einer Hirn-Schlagader. Menschen jeden Alters können davon betroffen sein - mit stets lebensbedrohlichen Folgen.  

Am Mindener Johannes Wesling Klinikum sind gleich drei medizinische Fachrichtungen auf die Behandlung solcher Notfälle spezialisiert. Neurologen, Neurochirurgen und Neuro-Radiologen finden in der sogenannten Mindener Schule zusammen. Alle drei Kliniken verfügen über exzellente Teams, die rund um die Uhr zum Wohle der Bevölkerung interdisziplinär zusammenarbeiten. Konkret geschieht dies direkt in der Angiographie, wo die Schlaganfallpatienten in den allermeisten Fällen nach Einlieferung durch einen Notarzt und Erstbehandlung in der zentralen Notaufnahme diagnostiziert und gegebenenfalls auch behandelt werden. Während dort die Gefäße des Gehirns per Hirnkatheteruntersuchung mit Kontrastmittel dargestellt werden, um das Aneurysma zu finden, treffen die Direktoren Privat-Dozent Dr. Ulrich Knappe (Direktor der Klinik für Neurochirurgie), Professor Dr. Peter Schellinger (Direktor der Universitätsklinik für Neurologie und Neurogeriatrie) und Professor Dr. Wolf-Dieter Reinbold (Direktor des Universitätsinstituts für Diagnostische Radiologie, Neuroradiologie und Nuklearmedizin) ein. Schon 15 Minuten nach der Ankunft des Patienten können die Spezialisten eine Diagnose erstellen und die anstehende Behandlung absprechen. Im Team wird dann besprochen, welche Behandlung für den Patienten am besten ist.

Möglich ist einerseits "Clipping". Hierbei öffnet ein Neurochirurg operativ den Schädelknochen und klemmt die Gefäßaussackung mit Titan-Clips ab, um sie aus der Blutzirkulation zu nehmen und dann zu veröden. Die zweite Behandlungsmethode ist in den 90er Jahren von den Neuro-Radiologen entwickelt worden. Bei dem sogenannten "Coiling" muss der Schädelknochen nicht geöffnet werden. Stattdessen wird unter ständiger Röntgenbeobachtung ein langer Katheter durch eine Schlagader in die Leiste eingeführt und bis zum Gehirn geschoben. Durch diesen Katheter wird ein feiner Platindraht oder ein Stent bis zu dem Aneurysma im Gehirn transportiert. Damit wird dann die Verletzung des Blutgefäßes verschlossen und ein Aneurysma verstopft.

Nach dem ärztlichen Konsil auf höchster Eben ist Eile geboten: "Oftmals erfolgt die sofortige Vorbereitung auf eine mehrstündige Operation. Das klappt übrigens nicht nur zwischen den Chefärzten, auch unsere Oberärzte arbeiten hervorragend zusammen", sagt Professor Dr. Schellinger. Ebenfalls wird in diesem Konsil besprochen, wo die neuro-intensivmedizinische Weiterbehandlung der Patienten stattfindet: Auf der neurologischen Intensivstation oder auf neurochirurgischen Intensivbetten. In beiden Fällen erfolgt die Therapie unter den gemeinsamen Händen erfahrener Intensiv-Neurologen und -Neurochirurgen. 

Insgesamt werden jedes Jahr mehr als 1500 Schlaganfälle am Mindener Universitätsklinikum behandelt. Seit 2008 erhalten die Patienten durch die medizinische Expertise der drei Fachkliniken eine allumfängliche Versorgung. "Wir sind hier im weiteren Umfeld die einzige Klinik mit einer solchen Kompetenz in allen drei beteiligten Fachrichtungen", sagt Privat-Dozent Dr. Ulrich Knappe. Nicht nur Professor Dr. Reinbold erfüllt diese Tatsache durchaus mit Stolz. "Dies ist alles nur möglich, weil die Kollegen so hervorragend kooperieren und gut organisiert sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit", sagt Professor Dr. Reinbold, der auch Ärztlicher Direktor des Johannes Wesling Klinikums ist.  

"Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist hier nicht nur ein Schlagwort, hier wird sie gelebt", fügt Privatdozent Dr. Ulrich Knappe hinzu. In den vergangenen neun Jahren, seitdem das Mindener Schulmodell praktiziert wird, sei es in keinem Fall zu Unstimmigkeiten zwischen den Direktoren gekommen, da Eitelkeiten, falscher Ehrgeiz oder ökonomische Aspekte einzelner Kliniken keinen Raum in der Diskussion finden. "Wir entscheiden nach fachlichen Gesichtspunkten, gepaart mit der langjährigen Erfahrung der Kollegen. Beide Methoden haben Vor- und Nachteile. Je nach Krankheitsbild, Alter des Patienten, Lage und Aussehen des Aneurysmas treffen wir im interdisziplinären Team die beste Entscheidung über die Behandlung für diesen speziellen Einzelfall", sagt Privat-Dozent Dr. Ulrich Knappe. Dieses ärztliche Konsil auf höchster Ebene im Universitätsklinikum Minden ist eine Besonderheit. "Bei uns am Johannes Wesling Klinikum steht die bestmögliche Behandlung für den Patienten im Vordergrund: eben durch die von uns so genannte Mindener Schule", sagt Privatdozent Dr. Ulrich Knappe.