Yilmaz Takbas ist ein Unternehmer durch und durch. Seit 30 Jahren betreibt er gemeinsam mit seinem Bruder einen Dönerimbiss in der Mindener Innenstadt. Seine Arbeitstage sind lang. Zwölf Stunden am Tag sind die Regel, Urlaub ist selten, Ausfälle kann sich der 54-Jährige als Selbstständiger kaum leisten. Deshalb machte er weiter, auch als sein Körper längst andere Signale sendete. Jahrelang litt er unter Beschwerden beim Wasserlassen. Doch aus Scham sprach er mit niemandem darüber. „Ich habe mir lange eingeredet, dass es schon irgendwie geht“, sagt der Familienvater.
Sechs Jahre verdrängte Takbas seine Beschwerden – bis irgendwann nichts mehr ging. Der Gang zur Toilette wurde zur Qual. Bei einer Untersuchung in der Urologie des Krankenhauses Lübbecke zeigte sich schließlich das Ausmaß der Erkrankung. Ursache war eine ausgeprägte gutartige Prostatavergrößerung. Über Jahre hatte die Harnblase gegen den erhöhten Widerstand arbeiten müssen. „Die Folge war eine deutliche Veränderung der Blase. Die Blasenmuskulatur hatte sich verdickt und es war ein großes Blasendivertikel entstanden – eine sackartige Ausstülpung der Blasenwand, in der Urin zurückbleiben kann“, erläutert Dr. Gregor Halbert, Direktor der Klinik für Urologie, robotisch-assistierte Urologie und Uro-Onkologie am Krankenhaus Lübbecke.
Die Behandlung erfolgte mehrstufig. Zunächst wurde das überschüssige Prostatagewebe bei einer transurethralen Resektion der Prostata (TUR-P) über die Harnröhre abgetragen, um den Urinabfluss wiederherzustellen. Anschließend musste das große Divertikel in einer zweiten Operation robotisch-assistiert entfernt werden. Während der Diagnostik entdeckten die Ärzte zudem eine auffällige Veränderung an der Harnblase, die eine Gewebeprobe erforderlich machte.
„Die Zeit zwischen Probenentnahme an der Harnblase und Befundbesprechung war wahrscheinlich die längste meines Lebens“, erinnert sich Takbas. „Meine Frau und ich hatten große Angst. Man denkt sofort an Krebs.“ Die Erleichterung kam mit dem Ergebnis der Pathologie: „Es war zum Glück kein Krebs. Wir waren einfach nur überglücklich.“
Der zweite Eingriff, die Entfernung des Blasendivertikels, wurde mit Unterstützung des DaVinci-Operationssystems im Krankenhaus Lübbecke durchgeführt. Die Klinik für Urologie ist Teil des Roboticums Lübbecke, dem Zentrum für robotergestützte Chirurgie am Krankenhaus Lübbecke.
Die Technologie ermöglicht besonders präzise und schonende Eingriffe unter anderem an Prostata, Blase, Harnleiter und Nieren. Klinikdirektor Dr. Halbert erklärt: „Eine gutartige Prostatavergrößerung entwickelt sich häufig über viele Jahre. Viele Patienten gewöhnen sich an die Beschwerden oder passen ihren Alltag daran an und suchen erst Hilfe, wenn bereits Folgeschäden entstanden sind. Dabei stehen uns heute sehr gute diagnostische und therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung.“
Eine ausgeprägte und unbehandelte Abflussstörung kann langfristig erhebliche Folgen für die Harnblase und in schweren Fällen auch für die Nieren haben. Beschwerden beim Wasserlassen sind dabei keineswegs selten. Mit zunehmendem Alter nehmen sowohl Veränderungen der Prostata als auch Beschwerden des unteren Harntrakts deutlich zu. Untersuchungen aus Deutschland zeigen, dass knapp jeder dritte Mann über 50 Jahre behandlungsbedürftige Beschwerden aufweist.
Yilmaz Takbas wusste schon lange, dass seine Beschwerden nicht normal waren, aber er litt im Stillen. „Mir war das Thema so unangenehm. Jetzt gehe ich total offen damit um, aber vor ein paar Jahren konnte ich das noch nicht“, sagt der 54-Jährige.
Bei Takbas sei die Kombination aus langjähriger Abflussstörung und großem Blasendivertikel besonders herausfordernd gewesen. „Entscheidend war, zunächst die Ursache der Abflussstörung zu beseitigen und anschließend die anatomischen Folgen an der Blase zu behandeln. Solche Eingriffe erfordern Erfahrung und eine präzise operative Planung“, erläutert Halbert.
Nach den Operationen folgte eine Phase mit Bauchdeckenkatheter und gezieltem Blasentraining. Schritt für Schritt kehrte die normale Funktion zurück. Heute ist der 54-Jährige wieder vollständig im Alltag angekommen. Er arbeitet im Familienbetrieb, verbringt Zeit mit seiner Familie, reist und spricht offen über seine Erfahrungen. Dabei erkennt er auch einen familiären Zusammenhang. Bereits sein Vater und sein Bruder mussten wegen einer gutartigen Prostatavergrößerung behandelt werden.
„In unserer Familie war das offenbar kein Einzelfall. Gerade deshalb möchte ich andere Männer ermutigen, sich früh untersuchen zu lassen“, betont Takbas.
Seine Botschaft richtet sich vor allem an Männer, die Beschwerden verdrängen. „Man schiebt es auf Stress, aufs Alter oder auf die Arbeit. Genau das habe ich auch gemacht. Aber der Körper meldet sich nicht ohne Grund. Ich hätte viel früher zum Arzt gehen sollen, dann wäre es vielleicht gar nicht erst so weit gekommen.“
Auch Dr. Gregor Halbert möchte Männern die Scheu vor dem Besuch beim Urologen nehmen: „Urologische Beschwerden sind kein Tabuthema. Wenn sich das Wasserlassen verändert, Schmerzen auftreten oder andere Beschwerden im Bereich der Harnwege oder Genitalorgane bestehen, sollte man diese nicht über Monate oder Jahre hinnehmen. Je früher wir die Ursache kennen, desto eher können wir behandeln und mögliche Folgeschäden verhindern.“
Neben der Abklärung konkreter Beschwerden spielt auch die Früherkennung eine wichtige Rolle. Männer haben ab dem 45. Lebensjahr jährlich Anspruch auf eine Untersuchung zur Früherkennung von Prostatakrebs. Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes in Deutschland. Welche Untersuchungen im individuellen Fall sinnvoll sind, hängt unter anderem vom Alter, möglichen Risikofaktoren und der Familiengeschichte ab und sollte gemeinsam mit dem Arzt besprochen werden.
„Viele Männer verbinden den Besuch beim Urologen noch immer mit Unsicherheit oder unangenehmen Vorstellungen. Dabei geht es zunächst vor allem darum, miteinander zu sprechen, mögliche Risiken einzuordnen und Beschwerden ernst zu nehmen“, sagt Halbert. „Früherkennung und rechtzeitige Diagnostik geben uns die Chance, Erkrankungen in einem Stadium zu erkennen, in dem wir häufig besonders gute Behandlungsmöglichkeiten haben.“
Yilmaz Takbas wird in Zukunft nicht mehr so lange mit dem Gang zum Arzt warten. „Ich fühle mich wieder gesund. Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, wie gut es mir heute geht, hätte ich es wahrscheinlich nicht geglaubt. Deshalb erzähle ich meine Geschichte – damit andere nicht so lange warten wie ich“, sagt der Familienvater.


