Das größte Risiko ist nicht der Neubau – das größere Risiko wäre das Weiterwursteln!

Kommentar von Prof. Dr. Hans-Jürgen Piechota und Univ.-Prof. Dr. Jan Borggrefe zu den Neubauplänen der Mühlenkreiskliniken

Im September steht im Kreis Minden-Lübbecke eine Entscheidung an, die weit über zwei Bauprojekte hinausgeht. Es geht um die Frage, ob wir die Krankenhausversorgung für die kommenden Jahrzehnte aktiv und zukunftsfähig gestalten – oder ob wir weiter versuchen, mit immer neuen Zwischenlösungen Strukturen zu erhalten, die den Anforderungen moderner Medizin nicht mehr gerecht werden.

Wir verstehen jeden Bürger, der bei Summen von mehreren hundert Millionen Euro erschrickt. Wir verstehen auch jeden Bürgermeister und jeden Kämmerer, der fragt, wie Städte und Gemeinden diese Last tragen sollen. Diese Fragen sind berechtigt. Sie müssen gestellt werden. Und sie verdienen ehrliche Antworten.

Aber genau deshalb sollten wir die Debatte nicht verkürzen.

Die Alternative zum Neubau ist nicht: alles bleibt, wie es ist, nur günstiger. Die Alternative zum Neubau ist auch nicht die einfache Sanierung zweier bestehender Krankenhäuser. Die wirkliche Alternative wäre ein jahrelanges Weiterbauen, Umbauen, Reparieren und Improvisieren im laufenden Krankenhausbetrieb – mit erheblichen Risiken für Abläufe, Personal, Wirtschaftlichkeit und am Ende auch für die Attraktivität der Standorte. Eine solche Entwicklung würde die konkurrierenden Krankenhäuser der angrenzenden Landkreise stärken und die alten Häuser bis zum Zerbrechen schwächen.

Unsere Krankenhäuser des Mühlenkreises leisten heute alle sehr gute Arbeit. Das liegt jedoch in erster Linie an den Menschen, die dort arbeiten: an Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten, Technik, Reinigung, Küche, Verwaltung, Rettungsdienst, Funktionsdiensten und vielen anderen. Jeden Tag sorgen sie dafür, dass unsere Patientinnen und Patienten gut versorgt werden. Aber gute Medizin braucht auch Gebäude, die zu ihr passen.

Ein modernes Krankenhaus ist kein normales Verwaltungsgebäude. Es braucht kurze Wege zwischen Notaufnahme, Diagnostik, OP, Intensivmedizin und Stationen. Es braucht zeitgemäße Zimmer, funktionierende Logistik, moderne Medizintechnik, klare Hygienestrukturen, Energie- und IT-Sicherheit, gute Arbeitsbedingungen und Reserven für künftige Entwicklungen. Wer heute Krankenhausversorgung für 2035 oder 2040 plant, darf nicht nur fragen, was gestern noch irgendwie funktioniert hat. Er muss fragen, was morgen und übermorgen verlässlich trägt. Deshalb ist der Neubau nicht die luxuriöse Variante. Er ist die geordnete Variante.

Natürlich kostet diese Entscheidung viel Geld. Niemand sollte das kleinreden. Aber Nichtbauen kostet ebenfalls Geld. Es kostet Instandhaltung. Es kostet Planungen. Es kostet Provisorien. Es kostet Zeit. Es kostet Personalbindung. Es kostet Vertrauen. Und es kann am Ende noch teurer werden, wenn Entscheidungen so lange vertagt werden, bis sie nicht mehr gestaltet, sondern nur noch notdürftig bewältigt werden können.

Andere Klinikprojekte in Deutschland zeigen, wie teuer der Faktor Zeit werden kann. In Mainz wird für die Universitätsmedizin inzwischen ein Bau-Masterplan von mehr als zwei Milliarden Euro diskutiert; zusätzlich steht das Haus finanziell unter erheblichem Druck. In Augsburg stiegen allein die Kosten für ein neues Intensivzentrum von ursprünglich rund 106 Millionen Euro auf etwa 190 Millionen Euro. Und beim Universitätsklinikum Schleswig-Holstein zeigt sich, dass selbst früh begonnene Großprojekte über Jahrzehnte hohe Folgekosten auslösen können: Der dortige Masterplan wurde einst mit einem langfristigen Milliardenvolumen aufgesetzt, heute muss das Land erneut mit erheblichen Beträgen stützen.

Unsere letzte große Bauentscheidung – das Johannes Wesling Klinikum Minden – ist im Rückblick dagegen eine Erfolgsgeschichte. Auch dieser Neubau war damals teuer, schwierig und nicht ohne Risiko. Heute ist das Haus Universitätsklinikum, Maximalversorger und einer der stärksten medizinischen Anker der Region. Seine moderne Bausubstanz war dafür eine wesentliche Voraussetzung und übrigens auch für uns persönlich ein Grund, Minden als Arbeitsstätte und Lebensmittelpunkt für unsere Familien in Betracht zu ziehen. Ein vergleichbarer Neubau würde heute schnell 700 Millionen Euro oder mehr kosten.

Die Lehre daraus ist einfach: Krankenhausinfrastruktur wird nicht günstiger, wenn man sie vertagt. Früher oder später kommt die Rechnung. Die Frage ist nur, ob man sie rechtzeitig ordnet – oder ob man von ihr eingeholt wird.

Genau an diesem Punkt verdienen Landrat Ali Doğan und die Vorstände der Mühlenkreiskliniken aus unserer Sicht die Unterstützung.

Nicht, weil jede Zahl angenehm wäre. Nicht, weil es keine Risiken gäbe. Nicht, weil man Bürgern Sorgen ausreden sollte. Sondern weil es in dieser Lage Führung braucht: die Bereitschaft, eine schwierige Entscheidung nicht immer weiter zu verschieben.

Wir stellen uns damit gemeinsam einer unbequemen Wahrheit: Der Kreis muss Verantwortung übernehmen, obwohl das System Krankenhausfinanzierung in Deutschland seit Jahren nicht ausreichend funktioniert. Die Krankenhäuser werden gebraucht, aber die Finanzierung ihrer Zukunft bleibt zu oft zwischen Bund, Land, Kassen, Trägern und Kommunen hängen. Einschränkungen für Patientinnen und Patienten kommen dann durch die Hintertür: durch Verknappung und Verzögerung medizinischer Leistungen. Vor Ort landet die Aufgabe bei uns Bürgerinnen und Bürgern des Mühlenkreises, gemeinsam das Unlösbare trotzdem lösbar zu machen.

Die jetzt diskutierte Finanzierung ist deshalb kein Trick, sondern ein Versuch, Zeit und Verantwortung miteinander zu verbinden. Wenn die Kreditlasten erst nach Inbetriebnahme der neuen Standorte greifen, verschafft das den Kommunen Luft. Es eröffnet die Chance, dass die Mühlenkreiskliniken nach Abschluss ihrer Restrukturierung zumindest einen erheblichen Teil der Belastung selbst tragen können. Das ist keine Garantie. Aber es ist eine bessere Perspektive, als heute Fördermittel in dreistelliger Millionenhöhe zu verlieren und morgen dieselben Probleme unter schlechteren Bedingungen wieder auf dem Tisch zu haben.

Besonders wichtig ist: Die Landesförderung in erheblicher Höhe ist an diese Neubauperspektive gebunden. Wer den Beschluss ablehnt, spart nicht einfach Geld. Er riskiert, dass Fördermittel verloren gehen, Planungskosten abgeschrieben werden müssen und die alten Standorte weiter jedes Jahr hohe Instandhaltungskosten verursachen – ohne dass dadurch ein zukunftsfähiges Krankenhaus entsteht.

Das ist die eigentliche Ehrlichkeit, die die Debatte braucht: Es gibt keine risikolose Entscheidung. Der Neubau hat Risiken. Aber das Weiterwursteln hat auch Risiken. Und diese Risiken sind oft weniger sichtbar: steigende Baupreise, verschobene Investitionen, sinkende Attraktivität für Fachkräfte, Belastung des laufenden Betriebs, wachsende technische Anforderungen und der schleichende Verlust von Zukunftsfähigkeit.

Deshalb sollte die Kreistagssitzung im September nicht als Abstimmung über zwei Gebäude verstanden werden. Es ist eine Entscheidung über die Frage, ob der Kreis Minden-Lübbecke seine Krankenhausversorgung mutig und geordnet erneuert – oder ob er weiter auf Zeit spielt.

Die Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht auf Respekt vor ihren Sorgen. Sie haben aber auch ein Recht auf Klarheit: Eine Verzögerung ist keine Sparstrategie. Sie ist eine Wette gegen Baupreise, gegen Gebäudesubstanz, gegen den jetzt schon massiven Fachkräftemangel und gegen die Zeit.

Die Vorstände der MKK und Landrat Ali Doğan haben sich diese Entscheidung nicht einfacher gemacht, als sie ist. Aber sie haben sie offen und transparent auf den Tisch gelegt. Das ist politische Verantwortung. In einer solchen Lage reicht es nicht, auf den nächsten Haushalt, die nächste Wahl oder die nächste Zuständigkeit zu verweisen.

Verantwortliche Kommunalpolitik muss „sagen, wie es ist“: dass es keine bequeme Lösung gibt – aber sehr wohl eine Entscheidung, die ehrlicher und zukunftsfester ist als weiteres Zögern.

Genau darum geht es jetzt: Das größte Risiko ist nicht der Neubau – das größere Risiko wäre das Weiterwursteln!

Prof. Dr. Hans-Jürgen Piechota (Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Minden)
Univ.-Prof. Dr. Jan Borggrefe (Vorsitzender der Wissenschaftskommission der Ruhr-Universität, Medizin Campus Minden)

Newsletter
Klinikfinder