Während andere Kinder mit sechs Jahren rennen, toben und vielleicht erste Sportarten ausprobieren, lernte Hussein erst mit sechs Jahren richtig zu laufen. Und das dank einer Operation im Krankenhaus Bad Oeynhausen. Es folgten noch weitere Operationen im Leben des heute 14-Jährigen. „Für mich ist das ein Teil meines Lebens, es ist normal für mich“, sagt Hussein und lächelt. Er ist selbstbewusst, klug und weiß genau, was er will. Die Medizin hat nicht nur sein Leben geprägt – sie ist auch etwas, was den Schüler fasziniert und könnte noch Teil seiner Zukunft werden.
Hussein ist 2012 im Irak zur Welt gekommen. „Er war ein Frühchen, ist zwei Monate zu früh geboren“, erzählt seine Mutter Reghad Alschmre. Von Geburt an leidet Hussein unter einer Infantilen Zerebralparese. Dabei handelt es sich um eine Bewegungsstörung durch eine Hirnschädigung um die Geburt herum. Sie führt oft zu erhöhter Muskelspannung (Spastik) und im Verlauf zu Fehlstellungen in den Gelenken.
„Eine Zerebralparese ist nicht heilbar“, erklärt Oberärztin und Kinderorthopädin Dr. Christina Oldenburg. „Die Behandlung zielt darauf ab, die Beweglichkeit und Unabhängigkeit der Betroffenen zu erhalten und zu fördern.“
Dr. Christina Oldenburg ist Husseins behandelnde Ärztin und begleitet den Jungen aus Löhne seit seinem sechsten Lebensjahr. Die Oberärztin leitet das Departement für Kinderorthopädie am Krankenhaus Bad Oeynhausen. „Ich habe schon viele Kinder wie Hussein behandelt. Dass ich die jungen Patientinnen und Patienten über einen so langen Zeitraum begleiten darf, ist etwas ganz Besonderes“, sagt die Kinderorthopädin.
2015 flieht Husseins Familie aus dem Irak nach Deutschland, lebt zeitweise in einem Flüchtlingsheim. Seit ein paar Jahren wohnt die Familie in Löhne. Der Junge war bei der Flucht drei Jahre alt. Als Hussein sechs war, besuchten seine Eltern zum ersten Mal gemeinsam mit ihm die Sprechstunde von Dr. Oldenburg. Die Kinderorthopädin erinnert sich an den ersten Moment als Hussein vor ihr stand: „Wenn ich mir heute anschaue, von wo wir gekommen sind, und wo wir heute stehen, ist das eine enorme Entwicklung.“
Der Schüler muss schmunzeln, wenn er sich die Bilder und Videos seiner Kindheit anschaut. „Heute wirkt das für mich komisch mich so zu sehen. Für mich war das damals ganz normal, dass ich nur ein bisschen hüpfen konnte, aber nicht richtig laufen“. Auch seine Mutter ist ganz erstaunt bei den Bildern, „man vergisst, wie schwer es war“. Sichtlich gerührt und stolz blickt sie zu ihrem Sohn rüber. Es ist nicht nur Husseins Krankengeschichte. Es ist auch die seiner Familie.
Hussein wurde 2018 das erste Mal im Krankenhaus Bad Oeynhausen operiert: ein komplexer Eingriff am rechten Fuß, den Hussein quasi nicht benutzen konnte. „Unser Ziel war es, seine Lauffähigkeit herzustellen. Und das ohne Hilfsmittel“, erläutert Dr. Christina Oldenburg. Nach sechs Jahren und zwei weiteren Eingriffen folgte 2024 die zweite große Operation, diesmal am linken Fuß. Dem Fuß, der über Jahre die ganze Belastung tragen musste. Um den Fuß zu stabilisieren, musste Hussein ein Stück Knochen aus seinem Beckenkamm entfernt und im linken Fuß eingesetzt werden. Die Kinderorthopädin erklärt: „Solche Eingriffe können wir erst durchführen, wenn die Füße der Kinder reifer sind. Wir dürfen die Gelenke aber auch nicht zu sehr versteifen, denn besonders die Füße müssen flexibel bleiben.“
Hussein ist glücklich und dankbar, dass die beiden großen Operationen so gut verlaufen sind: „Besser geht es nicht, ich kann laufen, und das selbstständig, das bedeutet mir viel.“ Auch seine Mutter findet nur lobende Worte für die Behandlung, „wir wurden hier immer gut aufgeklärt, mitgenommen und versorgt, dafür sind wir sehr dankbar.“
Der Schüler trägt zusätzlich Orthesen zur Unterstützung – eigentlich bräuchte er sie aber gar nicht. Doch Hussein kann seit seiner Geburt nicht auf dem linken Auge sehen.
„Dadurch, dass er zu früh geboren wurde, konnte sich sein Auge nicht richtig entwickeln“, erzählt seine Mutter. Vor Kurzem wurde dem Jungen aus Löhne das Auge entfernt, er trägt jetzt eine Prothese. „Für mich ist das eine Erleichterung, denn endlich habe ich keine Schmerzen mehr. Früher hatte ich täglich Augenschmerzen“, erzählt Hussein. Dadurch dass ihm das Auge fehlt, fehlt ihm auch das räumliche Sehvermögen. Die Orthesen geben ihm Halt und Stabilität und verbessern seine Laufausdauer.
Mit 14 Jahren hat Hussein schon viel erlebt. Dinge, die belastend, anstrengend, auch unfair sein können. Aber nicht für Hussein. „Das ist mein ‚Normal‘. Ich bin sehr dankbar, dass ich so viel Hilfe erhalte und sich alle gut um mich kümmern.“ Er überlegt kurz und fügt dann hinzu: „Ich bin sehr dankbar, weil ich immer verstanden habe, warum ich operiert wurde und was es alles für einen Sinn hatte – warum ich Physiotherapie mache und warum ich Orthesen trage. Ich finde es traurig, dass es Menschen gibt, die das nicht verstehen oder tun, und ich bin einfach sehr dankbar dafür, dass ich diesen Sinn darin sehen kann.“
Auch seine Familie, insbesondere seine Eltern, seien ihm immer eine große Stütze gewesen. Seit Hussein klein ist, macht sein Vater Kräftigungsübungen mit ihm.
„Das ist wichtig, damit er Muskeln aufbaut und an seiner Stabilität arbeitet. Husseins Entwicklung ist das Ergebnis des Zusammenspiels vieler Akteure. Seine Eltern leisten einen Beitrag, ebenso wie wir Ärzte, Physiotherapeuten, Orthopädietechnik und viele mehr“, schildert Dr. Oldenburg.
Wenn man den jungen Schüler erlebt, fällt es schwer zu glauben, dass er gerade mal 14 Jahre alt ist. Seine Krankengeschichte hat ihn geprägt, hat seine Sicht auf das Leben beeinflusst. „Hussein ist ein besonderer Patient, dass es ihm heute so gut geht und er so selbstständig ist, erwärmt mein Herz. Und zeigt mir, wie wirksam unsere Arbeit hier ist“, sagt Dr. Christina Oldenburg. „Ich sehe über Jahre hinweg die Entwicklung der Kinder. Kurz nach der Operation sieht man in der Regel die deutlich verbesserte Fußstellung und den funktionellen Gewinn. Die Kinder können besser laufen und stehen sicherer. Erst nach Jahren zeigt sich wie stabil das Ergebnis ist und wie die Kinder durch die Operation im Alltag besser zurechtkommen. Das ist die größte Freude.“
Hussein muss nicht mehr operiert werden, kommt aber trotzdem bis zu seinem 18. Lebensjahr zur Kontrolle in die kinderorthopädische Sprechstunde ins Krankenhaus Bad Oeynhausen. Hussein ist ein Kämpfer, er will selbstständig sein, will im Leben etwas erreichen. Sein nächstes Ziel ist es, das Abitur zu schaffen. Er denkt aber schon weiter, verfolgt einen Traum. „Ich habe hier im Krankenhaus ein Praktikum gemacht und das war die coolste Sache, die ich seit langem erlebt habe“, erzählt der Schüler. „Jeder Mensch hat eine eigene Diagnose, eine eigene Geschichte, das ist faszinierend.“ Die Medizin begeistert ihn. Anhand seiner eigenen Lebensgeschichte sehe er, was alles dank moderner Medizin möglich ist. „Das macht doch Mut“, sagt Hussein und strahlt. Ob er selbst mal Medizin studieren möchte? „Da ich sehbehindert bin, weiß ich zwar noch nicht, ob ein Medizinstudium das Richtige für mich ist, aber ich mache mir da keinen Stress – für meine Zukunft steht erst einmal alles offen! Ich habe schon einige grobe Ideen, kann mir ein Studium oder die Arbeit in der Medizin gut vorstellen und möchte später auf jeden Fall beruflich etwas mit Menschen machen.“

