„Mein Leben ist jetzt anders, und wird anders bleiben. Aber es ist immer noch lebenswert“, sagt Hubertus Klostermann. Hinter dem 64-Jährigen liegen harte Monate. Monate voller Ängste und Sorgen. Vor allem der erdrückenden Sorge, unheilbar krank zu sein. „Erst langsam kehrt so etwas wie Normalität zurück“, sagt der Unternehmer nachdenklich.
Vor etwas mehr als einem Monat hat dieses neue Leben für Hubertus Klostermann begonnen. Seitdem lebt er ohne Bauchspeicheldrüse. Einem Organ, das gerade mal 80 Gramm wiegt, aber eine zentrale Schlüsselrolle im menschlichen Körper einnimmt. Die Bauchspeicheldrüse ist für den Stoffwechsel und die Verdauung unverzichtbar. Ist die Drüse geschädigt, hat das weitreichende Folgen für den gesamten Körper, wie Klostermann selbst erlebt hat.
Alles fing Ende 2024 an. Damals traten die ersten Beschwerden und Symptome auf, wie der Familienvater berichtet. Er hatte starke Bauchschmerzen, die bis in den Rücken ausgestrahlt haben. „Es war wirklich ein Dauerschmerz, den ich nur mit Tabletten eindämmen konnte“, erinnert er sich.
Während einer endoskopischen Untersuchung wurden dann Steine in der Bauchspeicheldrüse des Unternehmers entdeckt und sofort zertrümmert. Außerdem wurde ein Stent in das Organ gesetzt. Ein kleines Röhrchen, das den Abfluss von Sekret oder Flüssigkeit aus dem Organ oder seinen Gängen sicherstellt. Doch damit endete das Ganze nicht. „Insgesamt dreimal mussten Steine entfernt werden und erst ein Jahr später wurde der Stent rausgenommen“, erzählt Hubertus Klostermann.
In dieser Zeit nahm er rapide ab, 17 Kilogramm insgesamt. Der enorme Gewichtsverlust machte einen Facharzt stutzig und er nahm schließlich Tumormarker ab.
Und tatsächlich waren sie leicht erhöht. „Das war natürlich absolut besorgniserregend und ich bin dann direkt ins Universitätsklinikum Minden gefahren“, schildert Klostermann. Dabei liegt das Uni-Klinikum 165 Kilometer von ihm entfernt, aber aufgrund sehr guter persönlicher Empfehlungen wollte der Unternehmer aus dem Sauerland nur dort behandelt werden.
„Bei unserem Patienten lag eine chronische Pankreatitis, also Bauchspeicheldrüsenentzündung, wahrscheinlich als Folge einer gewissen Fehlanlage des Ganges vor. Die Erkrankung kann zu einer irreversiblen Zerstörung der Struktur und der Funktion der Bauchspeicheldrüse führen“, erläutert Professor Dr. Sven Arke Lang, stellvertretender Direktor der Klinik für Allgemeinchirurgie, Viszeral-, Thorax- und Endokrine Chirurgie am Universitätsklinikum Minden. Nun galt es herauszufinden, ob nicht noch etwas anderes dahintersteckte. Drei Tage lang dauerte die Diagnostik. Bildgebende Verfahren zeigten dann eine Veränderung des Bauchspeicheldrüsenkopfes. „In 90 Prozent der Fälle ist diese Veränderung nicht bösartig, aber genau sagen, kann man es nie. Nur eine pathologische Untersuchung des Gewebes kann für Gewissheit sorgen“, erklärt Professor Lang.
„Plötzlich stand die Diagnose Krebs im Raum“, erinnert sich Hubertus Klostermann. „Das war natürlich heftig. Man weiß, man sitzt auf einem Pulverfass.“ Es beginnt eine enorm belastende Zeit für den Unternehmer und seine Familie. „Man malt sich Horrorszenarien aus. Ich stand in dieser ganzen Zeit unter Dauerstrom“, erzählt seine Ehefrau Marita Klostermann.
Der Unternehmer hat bereits ein Familienmitglied an Bauchspeicheldrüsenkrebs verloren, „meine Großmutter ist vor 40 Jahren daran gestorben. Natürlich kommen dann Erinnerungen hoch. Aber zum Glück ist die Medizin heute deutlich weiter als damals.“
Im August 2026 folgte dann schließlich die Operation. Während des Eingriffs wurde das ganze Ausmaß erst deutlich, wie Professor Lang schildert. „Die Bauchspeicheldrüse hatte sich extrem stark verändert, außerdem hatten sich dort erneut Steine abgelegt. Es bestand ein enormes Risiko, das sich dort etwas hätte bilden können. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, die komplette Bauchspeicheldrüse zu entfernen.“ Auch die Milz wurde während der Operation entfernt.
Nach der Entfernung wurden die verdauungsrelevanten Organe, wie Magen und Gallengang, neu mit dem Dünndarm verbunden. Bauchspeicheldrüsenoperationen sind komplexe Eingriffe, die nur in dafür spezialisierten Zentren durchgeführt werden sollten.
Das Pankreaszentrum Minden am Universitätsklinikum Minden ist offiziell durch die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) zertifiziert. Damit wird dem Zentrum eine sehr hohe Behandlungsqualität bescheinigt. Etwa 50 bis 70 Patientinnen und Patienten werden jährlich im Pankreaszentrum Minden behandelt.
„Eine DKG-Zertifizierung ist bei Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse extrem wichtig, da Eingriffe an diesem Organ zu den kompliziertesten in der Viszeralchirurgie gehören und nachweislich die Überlebenschancen verbessern“, betont Professor Lang.
Das Pankreaszentrum ist Teil des Cancer Centers Minden, dem onkologischen Zentrum am Universitätsklinikum Minden, das 2024 ebenfalls von der DKG zertifiziert wurde. Das Cancer Center Minden verfügt über die meisten Organkrebszentren in Ostwestfalen-Lippe.
„Man informiert sich ja, wo man behandelt werden möchte und die Expertise hier am Uni-Klinikum hat mich absolut überzeugt“, sagt Hubertus Klostermann. Er und seine Frau sind äußerst zufrieden mit der Behandlung und Nachbehandlung.
Wenige Wochen nach der Operation kehrt so langsam wieder Alltag ein, schrittweise erholt sich der Familienvater. Gewöhnt sich immer mehr an sein Leben ohne Bauchspeicheldrüse. „Für mich war immer klar, dass ich damit leben will. Ich muss nicht damit leben, ich will damit leben“, erzählt Hubertus Klostermann.
Er habe natürlich einige Tiefs durchlebt, hat auch mal gezweifelt, aber nie den Mut verloren. „Ich blicke jetzt anders auf das Leben“, sagt er. „Früher lag der Fokus ganz klar auf der Arbeit. Wenn man selbstständig ist und einen kleinen Familienbetrieb führt, dann arbeitet man quasi rund um die Uhr. Jetzt denke ich gar nicht an die Arbeit, das ist gerade ganz weit weg.“
Klostermann freut sich auf die bevorstehende Reha, möchte lernen, wie sein Körper nun tickt und was ihm guttut. Außerdem muss er sich noch an das Insulin-Spritzen gewöhnen. „Da die Bauchspeicheldrüse wichtige Enzyme und Insulin produziert, müssen diese Stoffe bei einer vollständigen Entfernung künstlich durch Medikamente ersetzt werden“, erläutert sein behandelnder Arzt Professor Lang.
Zu jeder Mahlzeit muss der 64-Jährige nun Verdauungsenzyme zu sich nehmen. „Außerdem esse ich viele kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt und meinen Blutzucker muss ich auch regelmäßig messen. Es ist natürlich eine enorme Umstellung“, schildert Klostermann. „Aber ich darf leben, deshalb nehme ich das gerne alles in Kauf.“
Man merkt ihm und seiner Frau an, dass sie langsam wieder zurück ins Leben finden. In ein anderes Leben, „aber ein erfülltes“, wie sie sagen. Es habe sich nochmal alles zum Guten gewendet. Am meisten freut sich Klostermann wieder aufs Jagen. „Denn das ist meine große Leidenschaft. Und dass ich das wieder kann, schenkt mir viel Kraft“, sagt er.
Patientenveranstaltung
Was bedeutet die Diagnose Pankreaskrebs und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Diese und andere Fragen werden während der Patientenveranstaltung „Therapieoptionen bei Pankreaskrebs – Was ist möglich?“ am 12. November 2026 im Universitätsklinikum Minden beantwortet. Die Ärzte des Pankreaszentrums Professor Dr. Sven Arke Lang und Dottore Michele Sorleto werden das Zentrum vorstellen und erläutern, wie dort gearbeitet wird. Wie ist der Weg von der Diagnose bis zur Nachbehandlung, welche Therapieoptionen gibt es heutzutage und wie laufen die operativen Eingriffe ab – all das soll zwischen 17 und 19 Uhr geklärt werden. Die Veranstaltung findet im Abraham-Jacobi-Hörsaal am Haupteingang des Johannes Wesling Klinikums Minden statt. Die Teilnahme ist kostenlos und eine Anmeldung ist nicht notwendig.

