Mehr als 1.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen, rund 400 ausgebildete Ärztinnen und Ärzte und ein nachweisbarer „Klebeeffekt“ für die Region: Zehn Jahre nach dem Start des Medizin Campus OWL haben die Mühlenkreiskliniken, die Kreiskliniken Herford-Bünde und die Ruhr-Universität Bochum eine eindrucksvolle Bilanz ihrer Zusammenarbeit gezogen. Bei einem Festakt im Campusgebäude am Johannes Wesling Klinikum Minden blickten die Verantwortlichen auf die Entwicklung der universitären Medizin in Ostwestfalen-Lippe zurück. Dabei wurde deutlich: Die Kooperation hat nicht nur die medizinische Forschung und Lehre entscheidend vorangebracht, sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Sicherung der ärztlichen Versorgung in der Region.
Besonders deutlich wird die Entwicklung an der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit. Mehr als 1.000 medizinische Fachveröffentlichungen aus Minden, Herford, Bad Oeynhausen und Lübbecke dokumentieren, wie sich die Forschung am Universitätsstandort in den vergangenen zehn Jahren entwickelt hat. In ihrem gemeinsamen Festvortrag „Zehn Jahre Forschung – Vom Kreiskrankenhaus zum Universitätsklinikum“ zeichneten Univ.-Prof. Dr. Jan Borggrefe und Univ.-Prof. Dr. Ralf Gutzmer diesen Wandel nach. Was 2016 als universitärer Ausbildungsstandort begann, hat sich zu einem Forschungsstandort mit vielfältigen wissenschaftlichen Aktivitäten, klinischen Studien und internationalen Kooperationen entwickelt.
Am Beispiel der Chirurgie und Urologie zeigten Univ.-Prof. Dr. Andreas Krieg, Univ.-Prof. Dr. Christian Meyer und PD Dr. Raisa Abrams-Pompe, wie moderne Behandlungstechnologien, wissenschaftliche Forschung und innovative Lehrkonzepte am Standort zusammenwirken. Das Universitäre Zentrum für robotische Chirurgie und der Einsatz robotergestützter Operationsverfahren am Klinikum Herford stehen beispielhaft für die Weiterentwicklung moderner chirurgischer Behandlungsmöglichkeiten. Zugleich schaffen wissenschaftliche Register und klinische Forschungsprojekte eine wichtige Grundlage, um Erkrankungen und Behandlungsergebnisse systematisch zu untersuchen und neue Erkenntnisse für die medizinische Praxis zu gewinnen. Auch in der Lehre setzt der Medizin Campus OWL auf praxisnahe Ausbildungsformate: Die Ausbildungsstation HeroSta im Klinikum Herford ermöglicht Medizinstudierenden beispielsweise, klinische Abläufe und die Versorgung von Patientinnen und Patienten unmittelbar kennenzulernen und ihre praktischen Kompetenzen im interprofessionellen Team weiterzuentwickeln.
Die wissenschaftliche Arbeit kommt dabei unmittelbar den Patientinnen und Patienten zugute. Durch die Beteiligung an klinischen Studien erhalten sie Zugang zu innovativen Behandlungsmöglichkeiten und neuen Therapieverfahren. Ein Beispiel ist die Forschung zu myeloproliferativen Neoplasien (MPN), einer Gruppe seltener Erkrankungen des blutbildenden Systems. Hier ist der Medizin Campus OWL an großen internationalen und nationalen Studien beteiligt. Auch die Entwicklung neuer diagnostischer Verfahren und der Ausbau der Hochschulambulanz zeigen, wie eng Forschung und Krankenversorgung miteinander verbunden sind.
Neben der Forschungsleistung stand beim Festakt ein zweiter Erfolg im Mittelpunkt: die Bindung junger Medizinerinnen und Mediziner an Ostwestfalen-Lippe. Eines der wesentlichen Ziele bei der Gründung des Medizin Campus OWL war es, dem Ärztemangel in der Region entgegenzuwirken. Die Idee: Wer einen wesentlichen Teil seiner medizinischen Ausbildung in der Region absolviert, entscheidet sich möglicherweise auch anschließend für eine berufliche Zukunft vor Ort.
Dass dieser sogenannte „Klebeeffekt“ tatsächlich funktioniert, belegen die Zahlen, die im Rahmen des Festaktes vorgestellt wurden. Aus den ersten sieben abgeschlossenen Ausbildungsjahrgängen sind rund 400 approbierte Ärztinnen und Ärzte hervorgegangen. Etwa 100 von ihnen sind in der Region geblieben.
Eine Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum zeigt zudem, dass lediglich 17,4 Prozent der befragten Studierenden ursprünglich aus Ostwestfalen-Lippe stammen. Unter den 51 Absolventinnen und Absolventen, die anschließend in OWL arbeiteten, entschieden sich 41 für eine Anstellung an ihnen bereits aus der Ausbildung bekannten Kliniken des Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum. Damit zeigt sich, dass der Medizin Campus nicht nur Nachwuchs aus der Region ausbildet, sondern auch junge Menschen aus anderen Teilen Deutschlands für eine berufliche Zukunft in Ostwestfalen-Lippe gewinnt. Für die Krankenhäuser ist dies ein wichtiger Baustein der Personalgewinnung. Die Studierenden lernen während ihrer Ausbildung die Kliniken, die medizinischen Teams und die Lebensbedingungen vor Ort kennen. Aus dem Ausbildungsstandort wird so für viele ein dauerhafter Arbeitsplatz.
Die Erfolgsgeschichte begann mit einer Entscheidung des Landes Nordrhein-Westfalen, zusätzliche klinisch-praktische Studienplätze an der Ruhr-Universität Bochum dezentral in Ostwestfalen-Lippe einzurichten. Im Auswahlverfahren setzte sich die gemeinsame Bewerbung aus Minden und Herford im Jahr 2015 durch. Seit 2016 ist der Medizin Campus OWL Teil des Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum. Das Herz- und Diabeteszentrum NRW, welches schon länger Teil der Ruhr-Universität Bochums ist, unterstützt von Anfang an die beiden neuen Träger bei Lehre und Forschung.
In den vergangenen zehn Jahren wurden die Lehrangebote kontinuierlich ausgebaut. Dabei profitieren die Studierenden insbesondere von der engen Verbindung zwischen theoretischem Wissen und praktischer Ausbildung am Patientenbett.
Wie vielseitig die Lehre inzwischen aufgestellt ist, verdeutlichte beim Festakt unter anderem die Notfallmedizin. Allein in diesem Fachbereich wurden seit dem Wintersemester 2017/2018 insgesamt 541 Studierende ausgebildet. Neben klassischen Vorlesungen gehören realitätsnahe Simulationen, praktische Übungen an Rettungsmitteln und die Zusammenarbeit mit Feuerwehr und Rettungsdienst zum Ausbildungsprogramm.
Bei der Jubiläumsveranstaltung würdigten die Vertreterinnen und Vertreter der drei Kooperationspartner die gemeinsame Entwicklung. Zu den Gästen und Rednern gehörten unter anderem der Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken, Dr. Olaf Bornemeier, der Medizinvorstand der Kreiskliniken Herford-Bünde, Dr. Andreas Schroeder, der Kreisdirektor aus dem Kreis Herford Markus Altenhöner, der stellvertretende Landrat aus dem Kreis Minden-Lübbecke Siegfried Gutsche sowie der Rektor der Ruhr-Universität Bochum, Prof. Dr. Dr. h.c. Martin Paul.
Der Blick richtete sich dabei nicht nur auf die zurückliegenden zehn Jahre. In den kommenden Jahren soll der Forschungsstandort weiter gestärkt werden. Zu den Zielen gehören der Ausbau wissenschaftlicher Infrastruktur, die Gewinnung zusätzlicher Forschungsfördermittel und die stärkere Vernetzung der verschiedenen medizinischen Fachdisziplinen. Langfristig soll sich der Standort in Richtung eines Forschungscampus OWL weiterentwickeln.
Der Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken Dr. Olaf Bornemeier bekannte sich in seiner Rede zu Lehre und Forschung: „Die Universitätsmedizin ist ein wichtiger, ich möchte sagen zentraler, Bestandteil unserer Mühlenkreiskliniken-DNA geworden. Lehre, Forschung und Ausbildung sind Teil unseres Selbstverständnisses. Das ist eine Verpflichtung, die für uns nicht nur in Sonntagsreden gilt.“



