25.10.2017

Bewegung als Medizin

Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie startet Forschungsprojekt

Privatdozentin Dr. Karin Rosenkranz leitet das gemeinsame Forschungsprojekt der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und der Universität Bielefeld. Die Neurologin will wissen, wie sich das Gehirn durch regelmäßiges Bewegungstraining verändert.

Mittels Gehirnstimulation werden die Auswirkungen des Bewegungstrainings auf das Gehirn gemessen.

Messungen zeigen, wie sich das Gehirn im Laufe der Therapie verändert. Mithilfe der gesammelten Ergebnisse will Dr. Rosenkranz neue Therapieformen entwickeln.

Bei den Untersuchungen im neurophysiologischen Labor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie kommt modernste Technik zum Einsatz.

Sport hilft gegen Depressionen. Dieser Tipp steht in jeder Gesundheitszeitschrift und wird gerne auch von Ärzten beim ersten Aufkommen von depressiven Verstimmungen empfohlen. Aber warum das so ist und welche Art und Menge von Bewegung hilft, ist so gut wie unerforscht. Eine gemeinsame Studie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Medizinischen Zentrum für Seelische Gesundheit der Mühlenkreiskliniken und der Universität Bielefeld will Licht ins Dunkel bringen. „Wir wollen Bewegung als Therapieform bei Depressionen wissenschaftlich untersuchen und dann in der Behandlung etablieren. Bewegung soll damit vom Hausmittel zur anerkannten Therapieform werden“, sagt Privatdozentin Dr. Karin Rosenkranz, Neurologin der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Medizinischen Zentrum für Seelische Gesundheit.

Depressionen machen sich durch verschiedene Symptome bemerkbar. Betroffene fühlen sich oft ausgelaugt und müde, können sich nur schwer konzentrieren. Einfache Tätigkeiten sind plötzlich anstrengend und fallen schwer. Der Körper baut dann schnell ab, körperlich sowie geistig. „Bewegung kann depressiven Menschen helfen“, sagt Dr. Rosenkranz. „Durch regelmäßiges Training können Nervenverbindungen erhalten bleiben, die im Verlauf einer Depression verloren gehen können“, erklärt sie. Bei erkrankten Menschen sei die Fähigkeit des Gehirns, sich zu regenerieren eingeschränkt. Neue Nervenverbindungen bilden sich nur langsam. Mit Bewegung könne dem jedoch entgegengewirkt werden. Warum ausgerechnet Sport bei der Behandlung von Depressionen hilft, soll in der Lübbecker Universitätsklinik unter der Leitung von Direktor Professor Dr. Udo Schneider weiter erforscht werden. „Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass das Gedächtnis und die Erinnerungsfähigkeit verbessert werden können, wenn man körperlich aktiv ist. Wir wollen nun wissen, welche Mechanismen und Merkmale im Gehirn dafür verantwortlich sind“, so Professor Schneider über den Kern der Forschung.

Die Neurologin Dr. Rosenkranz leitet die Studie, die die neuen Erkenntnisse liefern soll. Daran beteiligen sich etwa 30 Patientinnen und Patienten des Medizinischen Zentrums für Seelische Gesundheit im Alter von 18 bis 60 Jahren. Dreimal wöchentlich erhalten sie ein spezielles Bewegungsprogramm bestehend aus Kraft- und Ausdauertraining. „Wichtig sind abwechslungsreiche Aktivitäten. Das können interaktive Spiele oder auch leichte Kraftübungen sein. Der Leistungsgedanke ist dabei jedoch vollkommen unwichtig“, sagt Dr. Rosenkranz. Im Mittelpunkt steht die Kombination von Reaktion, Koordination und Interaktion. „Vor allem geht es aber um den Spaß am Sport“, so die Neurologin. Eine gar nicht so einfache Aufgabe, da die meisten Patienten mit Antriebslosigkeit und Erschöpfung zu kämpfen haben. Um das Bewegungsprogramm ansprechend zu gestalten, wird es von Sportwissenschaftlern der Universität Bielefeld unter der Leitung von Professor Dr. Thomas Schack und Privatdozent Dr. Dirk Köster konzipiert und von Caroline Schwarzer durchgeführt. Das Bewegungsprogramm wird dabei auf die Bedürfnisse der Teilnehmer zugeschnitten.

Die Auswirkungen des Trainings auf das Gehirn misst Dr. Rosenkranz in Form von Vorher-Nachher-Untersuchungen. Mittels nicht-invasiver Gehirnstimulation untersucht sie, wie sich bestimmte Marker für die Gehirnfunktion im Laufe der Therapie verändern. „Wir beobachten, wie sich das regelmäßige Training auf die Neuroplastizität des Gehirns auswirkt, also wie die Veränderbarkeit des Gehirns durch das Bewegungsprogramm beeinflusst wird“, erklärt sie.

Von großem Interesse für das Projekt sei außerdem, warum manche Patienten mehr als andere von der Bewegungstherapie profitieren. „In früheren Untersuchungen haben einige Patienten sehr viel größere Fortschritte gemacht als andere. Wir suchen daher auch nach neurophysiologischen Besonderheiten, warum manche Menschen besonders gut auf die Therapie ansprechen“, so Rosenkranz. Ziel der Forschung sei es, mehr über die Funktion des Gehirns herauszufinden. „Mithilfe der gesammelten Ergebnisse wollen wir individuell auf unsere Patienten zugeschnittene Therapieformen entwickeln“, führt sie weiter aus. Neben der Forschungsgruppe wird es eine Kontrollgruppe geben, die ebenfalls untersucht wird, aber kein Bewegungsprogramm durchläuft.

Als erfahrene Neurologin ist Dr. Rosenkranz für das Projekt hauptverantwortlich und auch Leiterin des neurophysiologischen Labors. Vor etwa einem Jahr wechselte sie an die psychiatrische Uniklinik nach Lübbecke, um dort insbesondere die Forschung voranzutreiben. Zuvor hat die Medizinerin unter anderem an renommierten Universitätskliniken in London, Heidelberg und Münster gearbeitet. Bei der Studie wird Dr. Rosenkranz von einem Medizinstudenten unterstützt. Der angehende Arzt wird seine Doktorarbeit darüber verfassen, welche Rolle Bewegung bei der Behandlung von Depressionen spielt. „Als Teil des Medizin Campus OWL übernehmen wir in der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie die Ausbildung angehender Ärztinnen und Ärzte“, erklärt Klinikdirektor Professor Schneider. Weitere Doktorarbeiten zu verschiedenen anderen Themen seien bereits geplant.

Das gemeinsame Forschungsprojekt der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und der Universität Bielefeld ist zunächst auf ein Jahr ausgelegt. Die  Durchführung der Studie wird mit Fördergeldern in Höhe von 50.000 Euro unterstützt.