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22.05.2020

Dem Herzstillstand auf der Spur

Wissenschaftler und Ärzte des Medizin Campus OWL erforschen die genetischen Ursachen des plötzlichen Herztods

Der Anästhesist und Rettungsmediziner Dr. Jens Tiesmeier (links) und Professor Dr. Henrik Milting, Leiter des Erich und Hanna Klessmann-Instituts, leiten die Studie zur Erforschung genetischer Ursachen des plötzlichen Herztods. Dr. Jens Tiesmeier vom Krankenhaus Lübbecke hat jetzt mit einem Zwischenbericht der Studie einen Forschungspreis gegen namhafte Konkurrenz gewinnen können. Foto: MKK/Sven-Olaf Stange


Jung, fit, gesund und plötzlich tot. Unvermittelt und ohne jede Ankündigung. Ärzte sprechen vom „Plötzlichen Herztod“. Der plötzliche Herz-Kreislauf-Stillstand ist ein Albtraum, der sich in einigen Familien häufen kann. Ärzte und Wissenschaftler des Medizin Campus OWL wollen in einem Forschungsprojekt mehr über die familiär bedingten Ursachen akuter, lebensbedrohlicher Herzereignisse herausfinden. Dr. Jens Tiesmeier, Anästhesist und Rettungsmediziner am Krankenhaus Lübbecke, hat für einen ersten Bericht aus dem fünfjährigen Forschungsprojekt nun beim 17. Stuttgarter Intensivkongress den Innovationspreis einer wissenschaftlichen Fachtagung von Notfall- und Intensivmedizinern erhalten.

„MAP-OWL“ heißt die Studie, die von Wissenschaftlern der Mühlenkreiskliniken, des Herz- und Diabeteszentrums NRW (HDZ NRW) und des Klinikums Herford durchgeführt wird. In Kooperation mit den Rettungsdiensten, den Patholgien und der Rechtsmedizin in OWL wird das Erbgut reanimationspflichtiger Patientinnen und Patienten unter 50 Jahren molekulargenetisch untersucht. Vereinfacht ausgedrückt wollen die Wissenschaftler herausfinden, ob es genetische Veränderungen gibt, die zu dem Herzstillstand beigetragen haben könnten. Mit diesem Wissen kann man zukünftig die erblichen Risikofaktoren in der Vorbeugung von Herzerkrankungen viel besser einschätzen und einem Herzstillstand vorbeugen. Und schon jetzt hat die Studie einen ganz praktischen Nutzen: Da diese genetischen Veränderungen zumeist erblich sind, können unter Umständen weitere Familienmitglieder vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt werden.

In der preisgekrönten Veröffentlichung wurden die Ergebnisse des ersten Jahres dokumentiert. Darunter auch der Fall eines jungen, vermeintlich kerngesunden Patienten, der plötzlich umfiel und starb. „Wir konnten nachweisen, dass eine Genveränderung zu einer Veränderung des Herzgewebes geführt hat. Er war schwer herzkrank, wusste es aber nicht. Oft ist es so, dass wenige Zeit später weitere Familienmitglieder am plötzlichen Herztod sterben, weil sie den gleichen Gendefekt in sich tragen. Wir konnten durch unsere Untersuchungen genau zeigen, welche Genveränderungen zu der schweren Herzerkrankung geführt haben. Bei den weiterführenden Untersuchungen in der Familie konnten wir allerdings entdecken, dass diese Genveränderung aber offenbar spontan in dem Patienten entstanden und daher bei keinem anderen Familienmitglied vorhanden war. Für die Familie bedeutete dies eine Entwarnung“, erklärt Dr. Tiesmeier.

Mögliche genetische Ursachen des plötzlichen Herztodes sind bei Patienten, die ein Krankenhaus nicht mehr lebend erreichen, weitgehend unerforscht. Denn mit dem Todeszeitpunkt endet meist eine weitere Nachuntersuchung. Die Krankenkassen übernehmen keine weiteren Kosten. Mit der Ausstellung des Todesscheins und dem Feststellen einer ungeklärten Todesursache, darf am Leichnam nichts mehr verändert werden – auch eine Blutprobe für eine molekulargenetische Untersuchung darf nicht mehr ohne weiteres genommen werden. Dennoch ist die möglichst zeitnahe Gewinnung einer Blutprobe wichtig, da die hochsensiblen Analyse-Methoden nur DNA untersucht werden kann, die noch intakt ist.
Die Probe, die die Notärzte gewinnen, werden im Herz- und Diabeteszentrum NRW auf Veränderungen in 174 Genen, die mit schweren Herzerkrankungen zu tun haben, zeitgleich untersucht. „Wenn eine Obduktion angeordnet wird, ist es meistens zu spät, da die Qualität der Blutprobe bis dahin abgenommen hat“, so Dr. Tiesmeier. Aus diesem Grund arbeiten Polizei, Staatsanwaltschaft, Rettungsmediziner und Wissenschaftler des Medizin Campus OWL der Ruhr-Universität Bochum bei dieser Studie eng zusammen. „Selbstverständlich werden nur Personen in die Studie eingeschlossen, die im Überlebensfall entweder selbst oder die Angehörigen im Todesfall eingewilligt haben“, erklärt der Lübbecker Wissenschaftler.

Mit der Präsentation der Ergebnisse aus dem ersten Studienjahr konnte sich der Lübbecker Arzt und Wissenschaftler Dr. Jens Tiesmeier auf dem Fachkongress gegen Konkurrenz aus der Berliner Charité sowie den Universitätskliniken aus Düsseldorf und Augsburg durchsetzen. „Die Studie lebt von der sehr erfolgreichen wissenschaftlichen Kooperation vieler Experten. Namentlich möchte ich meinen Co-Studienleiter Professor Dr. Henrik Milting, Leiter des Erich und Hanna Klessmann-Instituts für Kardiovaskuläre Forschung und Entwicklung am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Professor Dr. Bernd Bachmann-Mennenga, Direktor des Universitätsinstituts für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin am Johannes Wesling Klinikum Minden, und Dr. Thomas Jakob, Notarzt am Klinikum Herford und Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Herford, nennen“, sagt Dr. Jens Tiesmeier.

Derzeit entstehen aus der im Jahr 2017 gestarteten Studie erste Promotions- und Habilitationsschriften. Enden soll die Studie im Jahr 2022. Dann können, so die Hoffnung, die wissenschaftlichen Erkenntnisse in neue Leitlinien zur Rettungsmedizin und der Kardiologie einfließen. „Diese schon jetzt preisgekrönte Studie zeigt, dass wir am Medizin Campus OWL in Minden, Lübbecke, Bad Oeynhausen und Herford hervorragende Wissenschaftler und Mediziner haben, die herausragende wissenschaftliche Leistungen erbringen und mit den Besten mithalten“, sagt der Vorstandsvorsitzender der Mühlenkreiskliniken Dr. Olaf Bornemeier.