30.04.2018

Jane Röhling erhält neue Füße

Technischen Orthopädie ermöglicht einer 28-Jährigen das Laufen

Jane Röhling hat zahlreiche angeborene Fehlstellungen an ihrem linken Fuß. Der rechte Fuß wurde durch viele Operationen korrigiert, wodurch das rechte Bein um etwa 15 Zentimeter kürzer geworden ist. Nach einem jahrelangen Martyrium kann sie nach dem Besuch der Technischen Orthopädie an der Auguste-Viktoria-Klinik in Bad Oeynhausen nun schmerzfrei laufen.


Jane Röhling zusammen mit dem Orthopädietechniker Marc Wattenberg (links) und dem Abteilungsleiter Ralf Torunski in der Anprobekabine der Technischen Orthopädie in der Auguste-Viktoria-Klinik in Bad Oeynhausen.

Mit der Orthese ist ein künstlicher Prothesenfuß fest verbunden, wo nun ein normaler handelsüblicher Schnürschuh übergezogen wird. Jane Röhling kann somit erstmals auch ihre Schuhe wechseln.

Ein System aus Federn ermöglicht Jane Röhling ein dynamisches Abrollen des Prothesenfußes.

Als Jane Röhling im Herbst 2017 zum ersten Mal mit Marc Wattenberg telefoniert, hat sie nahezu keine Hoffnung mehr. Die aus Kenia stammende 28-Jährige leidet unter Klumpfüßen, eine Kombination von angeborenen Fehlstellungen. Noch nie in ihrem Leben hat sie einen Schritt ohne Schmerzen gemacht. Ihr Gang ist ein staksiges Humpeln, begleitet von den Blicken der Umherstehenden. Bis sie mit Marc Wattenberg telefoniert. 

 Der Orthopädietechniker im Sanitätshaus der Auguste-Viktoria-Klinik in Bad Oeynhausen gehört zum Team der Technischen Orthopädie, das Menschen auf die Beine hilft – vom Profihandballer bei GWD Minden, der spezielle Einlagen in seinen Sportschuhen benötigt, bis hin zu Kriegsopfern aus Afghanistan, die keine Beine mehr haben. Für nicht wenige Patienten ist der Besuch dieser Orthopädiewerkstatt ein Wendepunkt im Leben. Doch Marc Wattenberg tritt bescheiden auf. Er findet Lösungen, wo andere an Grenzen stoßen –  ohne viel Aufhebens. So auch bei Jane Röhling. Ihre Odyssee durch Kliniken und Sanitätshäuser dauerte nun schon seit vielen Jahren an. Am Telefon vereinbaren sie einen kurzfristigen Termin. 

 „Als Jane erstmals zu uns kam, haben wir sie wie jeden Patienten gründlich untersucht“, erzählt Wattenberg. Ergebnis: Mit diversen Operationen wurde in der Vergangenheit versucht, die Füße so zu korrigieren, dass Jane ihre Füße belasten kann. Rechts ist dies besser gelungen als links.  Dadurch sind ihre Beine unterschiedlich lang und sie kann weder die linke Ferse belasten noch Barfußgehen. Auch sind die Gelenke nicht normal beweglich und sehr steif. „Wir überlegten, wie wir die Fußbeweglichkeit durch Prothesenfüße wiederherstellen könnten, dass ein Abrollen beim Gehen ermöglichen würde“, sagt Wattenberg und nimmt eine von Janes Orthesen in die Hand. Ein hochbelastbares, an den Anwender angepasstes Carbonfedersystem steckt in einer als Fuß gestalteten Gummihülle. Das Zusammenspiel dieser Federn ermöglicht erst eine dynamische Beweglichkeit. Die Konstruktion passt in einen handelsüblichen Schuh, der normal geschnürt wird. Auf Höhe des Schienenbeins setzt die Schale an, in der Janes Füße fixiert sind. Vereinfacht gesagt hat Jane nun ein neues Paar Füße unter ihren eigentlichen Füßen. „Der Carbonfuß wurde von der Industrie geliefert, alles Weitere entstand hier in der Werkstatt“, sagt Wattenberg mit einem Lächeln. Die Fußbettungen sind exakt an die deformierten Füße angepasst und ermöglichen Jane erstmals ein schmerzfreies Gehen. Die Orthesen sind ein kleines orthopädisches Wunderwerk. 

 Auf dem Weg dorthin hätte Jane Röhling fast ihren Mut verloren. Als sie für einen Gipsabdruck in die Auguste-Viktoria-Klinik kommen sollte, konnte sie vor Schmerzen die Wohnung nicht verlassen. „Ich habe nicht mehr an eine Lösung geglaubt. Ich wollte nur, dass es vorbei ist“, sagt Röhling. Marc Wattenberg ließ das nicht gelten. Er schnappte sich einen Auszubildenden und fuhr zu Janes Adresse nach Bielefeld. Der Gipsabdruck entstand in ihrer Küche. 

Etwas später machte sie die ersten Gehversuche in einem verspiegelten Raum neben der Orthopädiewerkstatt. „Ich begann zu laufen wie jeder andere Mensch“, sagt Röhling mit einem feuchten Schimmer in ihren Augen. Den ganzen Tag kann sie beide Orthesen tragen, die unter ihren Schlaghosen kaum zu erahnen sind. „Es ist wie ein neues Leben“, sagt Jane Röhling.

Mit den neuen Füßen kam auch neuer Lebensmut. Am Abendgymnasium holt Jane Röhling derzeit das Abitur nach und das mit bestem Erfolg. Ihr Ziel ist ein Medizinstudium. Vielleicht sitzt sie schon bald in den Vorlesungen am Medizin Campus OWL am Universitätsklinikum in Minden und in der Universitätsklinik für Allgemeine Orthopädie in der Auguste-Viktoria-Klinik. 

 Ralf Torunski, der den Bereich Prothetik der Technischen Orthopädie in Bad Oeynhausen leitet, lauscht dem Gespräch mit Zufriedenheit. Vor Jahren hat er Marc Wattenberg in die Auguste-Viktoria-Klinik geholt.   Marc Wattenberg wird Jane in drei bis fünf Jahren wiedersehen. „Die Carbonfüße sind für drei Millionen  Schritte ausgelegt. Etwa so lange werden sie halten“, sagt der Orthopädietechnikmeister. Vielleicht kommt Jane aber schon eher zurück nach Bad Oeynhausen. Sie ist seit diesem Frühjahr viel zu Fuß unterwegs.