Als Hartmut Otto im Sommer 2025 ins Universitätsklinikum Minden eingeliefert wird, ist sein Leben in Gefahr. Der 67-Jährige verliert durch starke Blutungen aus dem Mund mehrere Liter Blut. Ursache sind geplatzte Krampfadern – sogenannte Varizen – in der Speiseröhre und im Magen-Darm-Trakt. „Es waren dramatische Stunden“, erinnert sich der geschäftsführende Oberarzt Dr. Michele Sorleto der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektionskrankheiten am Universitätsklinikum Minden. „Kaum hatten wir eine Blutung gestoppt, öffnete sich an anderer Stelle die nächste. Mehrfach stand sein Leben auf der Kippe.“
Von diesen dramatischen Momenten ist heute nichts mehr zu sehen. Hartmut Otto wirkt fit und aktiv. Gemeinsam mit seiner Frau unternimmt er Radtouren und Wanderungen. Möglich ist das dank eines hochspezialisierten Eingriffs, der ihm nun wieder ein normales Leben ermöglicht.
Auslöser der schweren Blutungen ist eine Leberzirrhose in Folge einer chronischen Lebererkrankung. Dabei verhärtet sich das Lebergewebe so stark, dass das Blut aus der Pfortader – dem zentralen Blutgefäß der Leber – nicht mehr in die Leber gelangt: „Es entsteht ein Rückstau – ähnlich wie im Straßenverkehr. Der Druck steigt immer weiter, bis sich das Blut einen anderen Weg sucht. Es kommt zu schweren Blutungen, die kaum zu stoppen sind“, erklärt Klinikdirektor Professor Dr. Carsten Gartung. Um die Ursache der Blutung zu behandeln, entschieden sich die Ärztinnen und Ärzte am Universitätsklinikum Minden für das hochspezialisierte minimalinvasive Verfahren TIPS (Transjugulären intrahepatischen portosystemischen Shunt). Dabei wird über die Halsvene ein Stent in die Leber eingesetzt. Er verbindet Pfortader mit der Lebervene. So kann das Blut wieder besser abfließen. Der Blutdruck sinkt und das Risiko weiterer Blutungen wird deutlich reduziert.
„Der Eingriff dauert etwa eine Stunde und wird unter Vollnarkose in einem Hybrid-OP mit Angiographie durchgeführt“, erklärt Dr. Jan Robert Kröger, Leitender Oberarzt des Universitätsinstituts für Radiologie, Neuroradiologie und Nuklearmedizin der Mühlenkreiskliniken, der die OP bei Hartmut Otto durchgeführt hat. „TIPS heilt die Leberzirrhose nicht, kann aber die gefährlichen Folgeprobleme reduzieren.“
Für Hartmut Otto war TIPS ein Wendepunkt: Nach dem Eingriff gewann er Stück für Stück Lebensqualität zurück – vor allem körperliche Belastbarkeit und Sicherheit im Alltag. „Es ist wie ein neues Leben, mit dem ich fast nicht mehr gerechnet habe. Ständig hatte ich Wasser im Bauch oder habe wieder irgendwo geblutet. Meine Lebensqualität war sehr eingeschränkt, weil jederzeit eine schwere, lebensbedrohliche Blutung drohte.“
Dass die OP die eigentliche Leberzirrhose und damit die Ursprungserkrankung nicht heilt, ist für Professor Dr. Gartung nicht entscheidend: „Die Patienten versterben in der Regel an den Folgen einer Leberzirrhose, nicht an Leberversagen. Und die Folgen können wir mit dieser Methode oftmals sehr gut in den Griff bekommen. In vielen Fällen können wir die Überlebensprognose deutlich verbessern.“
Das Johannes Wesling Klinikum ist das einzige Krankenhaus in Ostwestfalen-Lippe, das dieses Verfahren anbietet. Insgesamt wurden bereits etwa 90 Patientinnen und Patienten behandelt, davon allein 38 im laufenden Jahr. „Wichtig ist der richtige Zeitpunkt. Heute gilt: lieber früher als später“, betont Professor Gartung. Dabei muss sich die Behandlungsoption nach Ansicht des Klinikdirektors noch deutlich besser auch in Fachkreisen rumsprechen. „Moderne Technik und verbesserte Stens haben das Verfahren deutlich sicherer gemacht. „Heute gewinnen mehr als 90 Prozent der Behandelten spürbar an Lebensqualität“, sagt Professor Carsten Gartung.
Für Hartmut Otto steht jedenfalls fest: „Ich würde dem Eingriff jederzeit wieder zustimmen. Ich bin ein neuer Mensch!“
Infokasten:
Das Leberzentrum Minden veranstaltet am 4. November von 17 bis 20 Uhr im Abraham-Jacobi-Hörsaal am Universitätsklinikum Minden eine Fachveranstaltung, in der das TIPS-Verfahren ausführlich vorgestellt wird. Anmeldungen werden unter gastroenterologie-minden[at]muehlenkreiskliniken[dot]de entgegen genommen.
