20.06.2018

Lebensretter im Trainingslager

Universitätsklinikum Minden und weitere Partner bieten den Medizinstudierenden beste Ausbildungsbedingungen


Als die Übung beginnt, ist es fast wie im richtigen Leben. Der Lkw eines örtlichen Getränkehändlers fährt rückwärts auf den Hof der Feuer- und Lehrrettungswache Bad Oeynhausen und manövriert geschickt keine zwei Meter an der Frau vorbei, die dort ausgestreckt am Boden liegt. Ihre zahlreichen Brandwunden und Helfer ignorierend, liefern zwei Männer die bestellte Ware aus. Die Rettung ist in vollem Gange, als sie das Leergut aufladen und ohne erkennbares Interesse wieder im Fahrerhaus verschwinden. "Realistischer geht es kaum", sagt Notarzt Dr. Jens Tiesmeier (43) und blickt zufrieden auf das Übungsszenario.

Die Notfalldarstellerin, wie sie in der Fachsprache heißt, kommt vom Deutschen Roten Kreuz in Bünde und simuliert das Opfer eines Grillunfalls, wie er immer wieder vorkommt. Die Retter sind Studenten des Universitätsklinikums in Minden und junge Mediziner im Praktischen Jahr. "Sie schlüpfen in die Rolle des Rettungsdienstes und des Notarztes, um die Abläufe und die Zusammenarbeit an einer Unfallstelle kennen zu lernen", erklärt Dr. Tiesmeier, selbst Leiter der Notarztstützpunkte in Lübbecke und Rahden. "Traumatische Verletzungen verlangen eine Vielzahl von schnellen Entscheidungen", so Dr. Tiesmeier weiter. Die Fragen richten sich vornehmlich an den Notarzt, der medizinisch "den Hut" aufhat. "Dazu prasseln weitere Eindrücke auf die Retter ein, die wir hier simulieren können", sagt Dr. Tiesmeier.

Viktoria Silinger (28) übernimmt als Notärztin gleich die Initiative im Übungsszenario. Wie bei einem echten Einsatz ist die Besatzung des Rettungswagens (RTW) meist schon vor Ort und wird von zwei Kommilitoninnen dargestellt. Silinger verschafft sich einen ersten Überblick. Wichtigste Frage: Liegt eine unmittelbare Lebensbedrohung vor? Die Verbrennungen befinden sich an beiden Armen und im Gesicht, doch die Patientin atmet selbstständig und ist bei Bewusstsein - erstmal ein gutes Zeichen. Bevor das Team die Verletzungen genauer analysiert, klärt eine Studentin ab, ob der Grill noch heiß ist und eine Gefahrenquelle darstellt. Dr. Jens Tiesmeier freut das besonders: "Die Eigensicherung ist äußerst wichtig und steht an erster Stelle bei einem Einsatz."  

Dr. Tiesmeier zieht im Übungsszenario die Stellschraube immer wieder ein bisschen an. Zuerst spielt er einen aufgeregten Angehörigen des Opfers, später dann den Disponenten der Rettungsleitstelle. Während die Studenten noch die Verletzungen abklären, stellt er einen typischen Funkspruch nach. "Bad Oeynhausen 0-NEF-1 von der Leitstelle Minden", ruft er dazwischen und spricht damit das Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) an, mit dem Viktoria Silinger vermeintlich an die Unfallstelle gekommen ist. Als er keine Antwort erhält, wiederholt er den Funkspruch, diesmal etwas nachdrücklicher. In welches Krankenhaus möchte Silinger die Patientin transportieren? Sind die Brandverletzungen so schwerwiegend, dass der Transport in ein überörtliches Verbrennungszentrum ansteht? Wird an der Einsatzstelle ein Rettungshubschrauber benötigt? Die Fragen der Leitstelle sind ein zusätzlicher Stressfaktor für Viktoria Silinger, die noch mitten in der Beurteilung der Patientin steckt.

Das Übungsszenario ist nicht aus der Luft gegriffen. Vor einigen Jahren erlitten zwei Fußballer aus Hüllhorst schwere Brandwunden, als ein Mitglied der Mannschaft den Grill mit Spiritus anheizen wollte und es zu einer Stichflamme kam. Nach der Erstversorgung durch den Notarzt des Krankenhauses Lübbecke-Rahden wurden beide Personen mit dem Rettungshubschrauber in ein Verbrennungszentrum geflogen. Dr. Jens Tiesmeier berichtet in seiner Übungseinführung von einem Brandopfer aus dem November vergangenen Jahres in Espelkamp, das ebenfalls mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik kam. "Gerade bei diesen kritisch verletzten Patienten ist das Zusammenspiel vor Ort, die Übersicht und die Kommunikation mit der Rettungsleitstelle wichtig", sagt Dr. Tiesmeier. "Der Notarzt leitet den Einsatz und gibt somit die Richtung vor."

Viktoria Silinger kommt mit der Mehrbelastung gut zurecht. "Der Vorteil des Studiums in Minden ist die umfangreiche Praxis auf den Stationen des Klinikums. Pflegekräfte, Angehörige oder Ärzte haben dort ständig Fragen", sagt Silinger. "Es ist eine stetige Herausforderung. Man lernt schnell, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren." Dr. Tiesmeier findet lobende Worte für Silingers Notarzt-Rollenspiel, doch die Anästhesie, das klassische Fachgebiet für Notfallmediziner, möchte sie nicht einschlagen. Orthopädie oder HNO-Medizin schweben ihr eher vor. "Es ist trotzdem gut, mal ein Unfallszenario so realitätsnah miterlebt zu haben", sagt Viktoria Silinger.

Bevor Dr. Jens Tiesmeier vor mehr als zehn Jahren seine erste Schicht als Notarzt antrat, gab es solche Übungen nicht. "Es freut mich sehr, dass wir heute verschiedene Institutionen, vom Rettungsdienst des Mühlenkreises über die hauptamtliche Feuerwache Bad Oeynhausen bis zum DRK aus Bünde, in diesem Übungsszenario bündeln können", sagt Dr. Tiesmeier. 

Bereits zum 20. Mal findet der Praktikumstag für PJ-Studierende der Mühlenkreiskliniken statt. Er ist mittlerweile zum festen Bestandteil des Lehrangebotes im Querschnittsfach Notfallmedizin des Universitätsinstituts für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin am Johannes Wesling Klinikum Minden geworden. Der Direktor des Instituts, Professor Dr. Bachmann-Mennenga, freut sich über die fruchtbare Zusammenarbeit mit Dr. Tiesmeier und der Feuer- und Lehrrettungswache Bad Oeynhausen: "Dr. Tiesmeier hat ein sehr praxisnahes Element etabliert und in den vergangenen elf Jahren kontinuierlich didaktisch weiterentwickelt. Wir sind froh, den Studierenden durch diese Kooperation neben den theoretischen Inhalten und Übungen am Simulator einen besonders authentischen Einblick in die präklinische Notfallmedizin anbieten zu können."

So sind die angehenden Mediziner aus OWL für ihren ersten echten Einsatz als Ärzte bestens gerüstet.